Der Schnipp-Schnapp-Dienst

Schluss mit Copy & Paste: Eine Anwendung namens Clipboard soll Nutzern helfen, Schnipsel aus Webseiten im Originallayout, mit allen eingebauten Funktionen abzulegen.

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Von
  • Erica Naone

Schluss mit Copy & Paste: Eine Anwendung namens Clipboard soll Nutzern helfen, Schnipsel aus Webseiten im Originallayout, mit allen eingebauten Funktionen abzulegen.

Gedanken, Bilder und Links mit Menschen über Kontinente hinweg zu teilen, ist einer der großen Vorzüge des Web. Doch wer nur einzelne Elemente aus Webseiten an Freunde weitergeben will, muss bislang entweder die ganze Seite nehmen oder die betreffenden Inhalte etwas umständlich mittels Copy & Paste herausziehen. Ein US-Start-up namens Clipboard will dies nun ebenso leicht machen wie wie das Teilen von Inhalten etwa auf der Facebook-Pinnwand.

Mit dem Cloud-basierten Dienst können Nutzer Seitenelemente markieren, kommentieren und auch durchsuchen. Ähnlich wie Facebook bietet Clipboard die Möglichkeit, solche „Clippings“ nur an ausgewählte Freunde schicken oder der Weböffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit gestern ist der Dienst nun in einem erweiterten Betatest. Er funktioniert mit den aktuellen Versionen der Browser Firefox, Safari, Internet Explorer und Google Chrome.

Hinter Clipboard steckt Gary Flake, der bereits die Microsoft Live Labs gegründet hat sowie Yahoo Research und Overture Research. Flake ging es ursprünglich nicht darum, das nächste neue Webding zu kreieren, sondern um eine persönliche Ablage für seine Fundsachen im Netz. Denn zuvor tat er das, was Millionen Nutzer tun, wenn sie auf einen interessanten Textbaustein auf einer Webseite gestoßen sind: den Text markieren, Control-C oder Apfel-C drücken und den Schnipsel in eine Textdatei oder eine Mail zu kopieren. „Das ist immer noch der Stand der Technik, um Kleinigkeiten im Web zu sichern“, sagt Flake. „Diese Lücke wollte ich füllen.“

Zwar gibt es bereits Dienste wie Delicious, mit denen sich Bookmarks organisieren und mit anderen teilen lassen. Oder den persönlichen Speicher Evernote, in dem man Notizen, Bilder und andere Webinhalte ablegen kann. Doch kein Dienst könne genau das, wonach er gesucht habe, sagt Flake. Ihm ging es nämlich darum, die Seitenschnipsel auch exakt in dem Layout zu bewahren, in dem sie online gestellt wurden – samt funktionierenden Links, Bildern und eingebetteten Videos. Über eine Cloud sollten die Clippings dann jederzeit auf jedem Rechner zugänglich sein.

Clipboard liege als eigene Schicht über Webseiten, beschreibt Flake die Technologie. Es wird als "Bookmarklet" im Browser installiert, lässt sich also wie ein Lesezeichen aufrufen. Klickt man darauf, startet eine JavaScript-Anwendung. Die analysiert nach Auswahl des gewünschten Seitenschnipsels den Seitencode und erstellt einen neuen HTML-Code samt CSS-Anweisungen für das Layout, damit der Inhalt später wie eine normale Webseite im Browser aufgerufen werden kann.

Der Clou daran ist, dass Clipboard eine eigenständige HTML-„Hülle“ für den ursprünglichen Code des Schnipsels anlegt. Außerdem muss die Anwendung sicherstellen, dass gespeicherte Clippings sich in der Cloud nicht mit anderen Schnipsel-Inhalten ins Gehege kommen. Das sei schwieriger, als es klingt, sagt Flake. „Browserversionen von vor drei Jahren hätten den zugrundeliegenden Algorithmus noch nicht korrekt verarbeiten können.“

Clipboard versucht bereits, in der Seitenanalyse Inhaltsblöcke zu definieren, die für Nutzer interessant sein könnten. In Zukunft könnten zwar Seitenbetreiber solche Elemente im Code selbst kennzeichnen. Clipboard soll diese Aufgabe aber schon jetzt selbständig lösen. Das World Wide Web Consortium hat im April den Entwurf für eine ebenfalls "Clipboard" genannten einheitliche Schnittstelle zum Herauskopieren von Inhalten veröffentlicht.

Ist ein Schnipsel gespeichert, können Nutzer dynamische Inhalte auch weiternutzen. Flake und seine Frau haben beispielsweise einen Hypotheken-Rechner aus einer Immobilienseite herausgezogen. Veränderte Flake die Zahlen im Clipping, blieben sie erhalten, so dass seine Frau die Rechnung zu einem späteren Zeitpunkt an einem anderen Rechner weiterführen konnte. Einige Webdesigner nutzen den Dienst bereits, um Portfolios von interessanten Designelementen anzulegen, die sie entwickelt haben.

„Clipboard macht keine Vorgaben, was sie ausschneiden können und was nicht“, betont Flake. Nutzer können sich über Schnipsel mit anderen Clipboard-Nutzern austauschen, indem sie dem Clipping – ähnlich wie bei den Nutzernamen von Twitter – ein „@“-Zeichen voranstellen. Zudem lassen sich Clippings per Email oder über die Meldungen in sozialen Netzwerken weitergeben.

Mit der schrittweisen Öffnung der Betaphase will Flake aus den Erfahrungen neuer Nutzer lernen: Wie gehen sie mit Clippings um? Finden sie neue Wege, um sie produktiv zu machen? „Wichtig ist uns, ein Bedürfnis zu stillen, dass fast jeder Internetnutzer mehrmals am Tag hat“, sagt Flake. (nbo)