Wo ist der Maschinenstürmer?

"Is it O.K. to be a Luddite?", fragte der Schriftsteller Thomas Pynchon 1984 in einem berühmten Essay – und unterstellte, dass es den Maschinenstürmer tatsächlich gibt. Aber wo ist er? Ist er vielleicht doch nur eine romantische Rebellengestalt?

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Von
  • Peter Glaser

"Is it O.K. to be a Luddite?", fragte der Schriftsteller Thomas Pynchon 1984 in einem berühmten Essay – und unterstellte, dass es den Maschinenstürmer tatsächlich gibt. Aber wo ist er? Ist er vielleicht doch nur eine romantische Rebellengestalt?

Manchmal passiert es ungeplant. So wurde Anfang des Jahres in der Nähe der georgischen Hauptstadt Tiflis eine 75-jährige Frau festgenommen, nachdem sie die Internetverbindung in Teilen Georgiens und Armeniens unterbrochen hatte. Auf der Suche nach Altmetall war die Frau auf ein Glasfaserkabel gestoßen und hatte es durchgeschnitten, um es an einen Metallhändler zu verkaufen.

Ende Mai in Berlin – und fortgeführt vor ein paar Tagen – war es Absicht. Ein gezielter Brandanschlag auf eine Kabeltrasse der Bahn verursachte ein Verkehrschaos, zehntausende Pendler kamen nicht mehr weiter. Die Maschinerie war an einem neuralgischen Punkt getroffen. "Dabei haben wir die Gefährdung von Menschen nach bestem Wissen ausgeschlossen", heißt es im Bekennerschreiben einer Gruppe, die sich nach dem isländischen Vulkan "Das Grollen des Eyafjallajökull" nannte. Die Nachfolger deponierten im Oktober sieben Brandsätze an Bahnstrecken und wählten, nach einem anderen isländischen Vulkan, den Namen "Hekla-Empfangskommitee". Der wütende Vulkan, so könnte man meinen, steht für einen Berg von Missmut einer technologischen Welt gegenüber, die sich immer weiter ausbreitet.

Es gibt radikalere Vertreter, die auch auf Menschenleben keine Rücksicht nehmen. Einzelkämpfer wie den amerikanischen Mathematiker Ted Kaczynski, der fast zwei Jahrzehnte lang als Unabomber gesucht wurde und durch dessen Briefbomben drei Menschen getötet und 23 verletzt wurden. 1995 hatte Kaczynski unter dem Titel "Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft" ein langes Manifest verschickt und angeboten, seine Attentatsserie zu beenden, falls sein Text veröffentlicht würde. Im September 1995 druckten die New York Times und die Washington Post seine Vorschläge, das "technologisch-industrielle System" zu überwinden. Der Abdruck führte zur Festnahme Kaczynskis, da sein Bruder den Schreibstil erkannte und sich an die Behörden wandte.

16 Jahre später verschickte der Norweger Anders Breivik, ehe er am 22. Juli 2011 mit einer Autobombe im Osloer Regierungsviertel und einem bewaffneten Angriff auf ein Jugendlager insgesamt 77 Menschen tötet, ein 1500-seitiges Pamphlet, in das er mehrere Passagen aus dem Manifest von Kaczynski einkopiert hatte – aus "Schwarzen" werden bei Breivik "Moslems", "Linke" verwandeln sich in "Kulturmarxisten".

Haben wir es mit einer Tradition zu tun? Einer unbezähmbaren Revolte gegen die Technisierung und Digitalisierung der Welt, die den zivilisatorischen Fortschritt wieder in eine menschgemäßere Richtung lenken soll? Das Missverständnis beginnt schon an der Wurzel. Im Gegensatz zur modernen Vorstellung vom Maschinenstürmer hatten die ursprünglichen Ludditen – wie sie sich, nach einem fiktiven Anführer und Kollektiv-Pseudonym namens Ned Ludd, auch nannten – weder etwas gegen Technik noch dagegen, sie zu nutzen. Viele von ihnen waren versierte Maschinenbediener in der britischen Textilindustrie. 1811 formierte sich eine Protestbewegung gegen schlechte Bezahlung und existenzbedrohende Lebensbedingungen, deren Angriffsziele bevorzugt Strickmaschinen waren. Diese Technologie war nicht neu, sondern bereits mehr als 200 Jahre alt. Sie hatte zu einer Blüte der Textilindustrie und dazu geführt, dass viele Arbeitsplätze entstanden. Es ging nicht um die Angst, wegrationalisiert zu werden. Der Konflikt zielte auf Fabriksbesitzer, die gut ausgebildete Arbeiter an effizienten Maschinen beschäftigten, ihnen aber einen angemessenen Lohn verweigerten.

Heute, wo die ganze Welt voll ist von ungleich höher effizienten Maschinen, steht der Begriff Maschinenstürmer merkwürdig verloren im Raum. Angesichts der Wucht, mit der sich die digitale Technologie seit drei Jahrzehnten über den Planeten ausbreitet, kann man sich durchaus fragen, warum es keine wahrnehmbare Opposition gegen diese überwältigende Entwicklung gibt, höchstens ein paar Leute, die sich in einem "Pencil Club" sammeln, um zu zeigen, dass sie Tastaturen verabscheuen und lieber mit Stift und Füller schreiben, oder die feierlich (im Internet) bekanntgeben, dass sie eine einen Monat lang auf Google verzichten wollen – heutzutage ein Unterfangen, das dem eines Asketen gleicht, der sich fern allen weltlichen Tands in eine Höhle zurückzieht, um sich mit höheren Dingen zu befassen.

"Is it O.K. to be a Luddite?", fragte der Schriftsteller Thomas Pynchon 1984 im Titel eines Essays und unterstellte, dass es ihn tatsächlich gibt. Aber wo ist der Maschinenstürmer? Ist er nicht doch, wie Ned Ludd, eine romantische, rebellische Legende? Ein Fliegender Holländer, der uns von Zeit zu Zeit erschrecken soll, wenn wir uns wieder zu sehr blenden lassen vom Glanz des digitalen Universums? Ein satirischer Text im Netz verkündet: "Maschinenstürmer erfindet Maschine, um Technik schneller zu zerstören".

Tatsächlich ist das, was der Idee des Maschinenstürmens heute am nächsten kommt – übel gesonnene Hacker und Cybersoldaten, die fremde Maschinen infiltrieren, sabotieren und zerstören wollen – auch sehr nahe an der Parodie des Maschinenhassers, der zugleich ein virtuoser Nutzer der Maschine ist. Steven E. Jones, Professor an der Universität Chicago, berichtet ironisch von seinen Studenten, die ihre Kopfhörer aus den Ohren nehmen, um kritisch darüber zu debattieren, wie sehr die Technologie ihr Leben beherrscht, und am Ende der Stunde leuchten dann die Smartphones wieder auf "und die Studenten schweben draußen über den Rasen wie Schwärme von Cyber-Quallen".

Im Mai ordnete ein Gericht eine Online-Auktion von Besitztümern des Unabombers Ted Kaczynski an – Manuskripte, Notizbücher, Kleider, Werkzeuge, Fotos –, um den Erlös den Angehörigen seiner Opfern zugute kommen zu lassen. Ein Justizbeamter erklärte dazu: "Wir nutzen die Technik, die Kaczynski in seinen Manifesten verdammt hat, um diese Dinge aus seinem Leben zu verkaufen." (bsc)