Nachtsichtgeräte mit Farbbild

Canons neueste Profikamera, die EOS-1Ds X, ist so irrsinnig ĂĽberzĂĽchtet, dass sie nur noch eine Schlussfolgerung erlaubt: Die Spiegelreflexkamera ist auf der letzten Stufe ihrer Evolution angelangt.

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Von
  • Martin Kölling

Canons neueste Profikamera, die EOS-1Ds X, ist so irrsinnig ĂĽberzĂĽchtet, dass sie nur noch eine Schlussfolgerung erlaubt: Die Spiegelreflexkamera ist auf der letzten Stufe ihrer Evolution angelangt.

Purer Wahnsinn. Das war mein erster Gedanke, als ich die Daten der Canon EOS-1Ds X las, Canons neuster Spiegelreflexkameras für Profifotografen. Und das ist nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Die Kamera konkurriert mit Nachtsichtgeräten und liefert sogar noch Farbbilder, wenn es draußen stockduster ist. Die Lichtempfindlichkeit lässt sich auf 202.800 ISO pushen (zum Vergleich: "Normal" sind 100 ISO, der Standard von billigen Filmen des Analogzeitalters). Damit verdoppelt Canon den bisherigen Wahnwitz-Rekord von Nikons 3Ds aus dem Jahr 2009 nochmals.

Und das ist noch nicht alles: Die Kamera verfügt über drei Hochleistungsprozessoren für die Bildverarbeitung und die Autofokus-Kontrolle und kann damit 12 Raw-Bilder pro Sekunde bei 18 Megapixeln Auflösung schießen, während der Autofokus automatisch schnelle Objekte verfolgt und scharf einstellt. Profi-Videofunktionen sind natürlich inklusive. Und als Krönung lassen sich die irrsinnigen Datenmengen über einen 1-Gigabit-Ethernet-Anschluss direkt in den Computer übertragen.

Wenn ich jemals das Gefühl hatte, dass die Kameraindustrie demnächst vor einer Daseinskrise stehen wird, dann nach dieser Kamera. Sie wirkt für mich wie das Ende der Evolution der klassischen Spiegelreflexkamera – und das nur drei Jahre, nachdem die ersten Systemkameras ohne Spiegel von Panasonic und Olympus das Ende dieser Ära eingeläutet haben. Ein Dinosaurier im Digitalzeitalter ist dieses Gerät. Kurz vor dem Aussterben, überzüchtet in jeder Hinsicht. Die Bildsensoren lösen so hoch auf und sind so lichtempfindlich, dass jeder weitere Fortschritt selbst im Profibereich nahezu sinnlos wird. Gleichzeitig sind sogar die elektronischen Sucher der neuen Systemkameras so gut, dass sie die optischen Sucher von nichtprofessionellen Spiegelreflexkameras ausstechen.

Das jüngst Beispiel ist Sonys neue Nex-7. Sie bietet einen OLED-Sucher und einen Bildsensor mit 24 Megapixel auf einem Niveau wie die beste Spiegelreflexkamera. Von der Auflösung stößt sie damit in einen Bereich vor, der bis vor wenigen Jahren noch Mittelformatkameras und Fotos im Posterformat vorbehalten war. Dabei ist sie so klein, dass eine Reduzierung aus ergonomischen Gründen kaum noch sinnvoll ist. Nikon versucht dennoch bei seinem Erstling im Bereich der Systemkameras mit einem kleinen Sensor noch mehr Schrumpfpotenzial zu heben. Doch den Vogel hat Pentax mit seiner Q abgeschossen, der derzeit kleinsten Kamera mit Wechselobjektiven. Sie ist so winzig wie eine Kompaktknipse. Da weiß man ja kaum mehr, wohin mit den Fingern. Und von den Handys, die Kompaktknipsen mittlerweile deutlich Konkurrenz machen, wollen wir hier noch nicht einmal reden.

Ich bin gespannt, wie viel Raum für nützliche Innovationen und/oder sinnlose Megapixel- und ISO-Wettrennen die Kamerahersteller noch finden. So gut wie die Kameras heute schon sind, kann ich mir gut vorstellen, dass die Fotografen sie weniger rasch durch neue Knipsen ersetzen werden. Gut möglich, dass das ehemalige High-End der Fotografie, Kameras mit Wechselobjektiven, damit schon bald zum hart umkämpften Massenmarkt wird, mit all seinen positiven wie negativen Begleiterscheinungen. Die Preise geraten unter Druck, aber eben auch die Gewinne der Firmen. (bsc)