Eingenordet

134 Meter schlittern im Winter die Skispringer von der berühmten Holmenkollen-Schanze am Stadtrand Oslos in die Tiefe, bevor sie abheben. Recht bodenständig blieb dagegen Opera, als es Entwickler, Geschäftspartner und Journalisten am 12. Oktober ins benachbarte Hotel zur „Up North Web“-Konferenz einlud.

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Von
  • Herbert Braun
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Es war die erste größere Veranstaltung seit dem Ausscheiden von Firmengründer und Ex-CEO Jon von Tetzchner, der im Juni die Firma endgültig verließ. Tetzchner hatte sich mit Vorstand und Management überworfen, weil er seine Ziele weniger an den Quartalsergebnissen der Aktiengesellschaft ausrichtete als an seinen technischen Visionen. Projekten wie den Widgets oder der Unite-Plattform mangelte es an Erlösmöglichkeiten und Durchsetzungsfähigkeit im Web.

Auf der Konferenz stellten die Norweger um den aktuellen Opera-Chef Lars Boilesen und den als CSS-Erfinder bekannten Technikleiter Håkon Wium Lie neue Versionen ihrer Mobilbrowser vor. Verfügbar sind Opera Mini 6.5 und Opera Mobile 11.5 bislang allerdings nur für Android. Auffälligstes Feature an beiden Browsern ist der Hinweis auf das durch serverseitige Kompression gesparte Datenvolumen, das die beiden Browser im Hilfemenü pro Seite und insgesamt anzeigen. Besonders hoch sind die Ersparnisse in Mini, da der Browser eine von den Opera-Servern vorgerenderte und auf die Bildschirmgröße angepasste Seite empfängt, die oft mit einem Zehntel der ursprünglichen Datenmenge auskommt.

Über die Schnellwahlseite ermöglicht Opera 12 jetzt auch die Installation von Themes.

Opera Mobile kommuniziert per Default direkt mit der Website, kann aber (wie die Desktop-Version) ebenfalls den Komprimierungsdienst nutzen. Die beiden Mobilbrowser scrollen in den aktuellen Versionen schneller als bisher; Verbesserungen ließen die Entwickler auch der JavaScript- und der Rendering-Engine sowie dem Netzwerk-Code angedeihen. Die Adresszeile enthält nun ähnlich wie bei Firefox und Chrome ein Stern-Symbol, welches das Bookmarken und das Hinzufügen zur Schnellstartseite erleichtert.

Für Opera Mini müssen die Firmenserver eine Million HTTP-Anfragen pro Sekunde verarbeiten. Die Software nutzen monatlich 140 Millionen Menschen, denen die Serverfarmen in Seattle, Polen, Island, Japan und anderswo mehr als 12 Petabyte Daten und 80 Milliarden Seiten ausliefern. Mini ermöglicht noch auf billigen Uralt-Handys akzeptables Surfen, doch fast zwei Drittel der Seitenaufrufe gehen an Besitzer eines iOS-, Android- oder Blackberry-Gerätes.

Weltweit sind Browser sehr unterschiedlich verbreitet; Opera ist beispielsweise in Osteuropa, Brasilien, Indonesien und vielen afrikanischen Staaten sehr populär, während es im Mutterland des Internets nur als Handy-Browser wahrgenommen wird. Das führt oft zu Problemen, wenn etwa neue Webanwendungen von Google oder Facebook Opera bewusst ausschließen und Cross-Browser-Kompatibilität nur Internet Explorer, Firefox, Chrome und Safari einschließt. Zum Beispiel sperrte MSN 2003 Opera-Nutzer aus, weshalb das Unternehmen seinerzeit eine Spezialversion von Opera 7 veröffentlichte, die jedes Wort auf der Seite durch „Bork“ ersetzte – eine Anspielung auf eine „Schwedisch“ sprechende Figur aus der „Muppet Show“.

Diese Maßnahme brachte zwar MSN zum Einlenken, aber nach wie vor sind mehrere Opera-Mitarbeiter damit beschäftigt, Betreiber von inkompatiblen Websites zu kontaktieren. Dabei stoßen sie zum Teil auf fehlende Kooperationsbereitschaft. Manche Admins sind eher bereit, auf zwei Prozent ihrer Benutzer zu verzichten, als eine unsinnige Browser-Weiche zu entfernen – denn das ist in der Praxis das häufigste Problem. Bei einigen großen Websites steuert Opera dem mit User-JavaScript entgegen. Die mehr als 100 KByte große Datei browser.js repariert derzeit Probleme auf apple.com, facebook.com, twitter.com, dell.com, aol.com, t-online.de, auf diversen Google-, Yahoo-, Amazon- und eBay-Sites sowie in vielen weiteren Webangeboten.

Einen Zukunftsmarkt verspricht sich Opera von internetfähigen Fernsehgeräten: Boilesen sieht darin die nächste Stufe nach Desktop und Mobile. Tatsächlich scheint es unausweichlich, dass auch der größte Bildschirm des Haushalts ans Netz geht; aktuell kann das etwa jeder fünfte neue Flachbildfernseher. Weitgehend unbedrängt von den Browser-Konkurrenten stattet Opera schon geraume Zeit Fernsehhersteller wie Philips, LG oder Samsung mit Browsern aus, nur wenige Hersteller wie Sony kochen ihr eigenes Süppchen. Auf der Up North Web stellte Opera einen „TV Store“ vor, in dem Fernsehzuschauer demnächst Apps installieren können. Ähnlich wie bei den Widgets treibt die Browser-Engine die Anwendungen an. Hardware-seitig ist ein Broadcom-Chipsatz die Voraussetzung; erste Geräte sollen in den nächsten Monaten auf den Markt kommen. Ein gutes Dutzend Demo-Apps für Facebook, Twitter, Vimeo, Wetterbericht und Schach läuft bisher. Opera-Widgets sollen sich ohne großen Aufwand in den TV Store übertragen lassen. Da im Hintergrund Opera 12 läuft, ist sogar Hardware-beschleunigte 3D-Grafik mit WebGL möglich.

Bisher muss sich der Zuschauer zwischen App und Fernsehbild entscheiden. Das dürfte sich in ein, zwei Jahren ändern, schätzt Opera-Manager Aneesh Rajaram. Dann wäre zum Beispiel die Wikipedia-Recherche zum Film auf dem gleichen Bildschirm möglich. Bald soll es auch kostenpflichtige Apps geben, um kommerzielle Entwickler zu motivieren – Opera hat aus den wenig erfolgreichen Widgets gelernt. Mit dem neuen Dienst Opera Payment Exchange, der fürs Bezahlen in Opera Mini entwickelt wurde, soll auch In-App-Payment möglich sein.

Nicht rechtzeitig fertig wurde die erste Alpha von Opera 12 für Windows, Mac OS und Linux – erst zwei Tage nach der Up North Web konnten Interessierte den kommenden Desktop-Browser ausprobieren. Größte Baustelle war die Hardwarebeschleunigung der Grafikdarstellung, die Opera als letzter der wichtigen Browser einführt. Mit dem direkten Zugriff auf die GPU sollen Animationen deutlich flüssiger laufen.

Wie in Firefox, Chrome und Safari funktionieren nun auch in Opera 12 3D-Animationen über eine WebGL-Schnittstelle, die OpenGL unterstützt; die DirectX-Variante ist noch in Arbeit. Anders als bei der Konkurrenz profitieren von Operas Hardware-Beschleunigung nicht nur die Webseiten, sondern auch die Anwendung selbst, was sich zum Beispiel beim Wechsel zwischen Tabs mit Seitenvorschau bemerkbar machen kann. Den Status der Hardware-Beschleunigung kann der Benutzer unter der Adresse opera:gpu abfragen. Auch die nächste Generation der Mobilbrowser soll Hardware-beschleunigt laufen.

Während WebGL und Hardwarebeschleunigung Flash vor allem bei Spielen und ähnlichen Einsatzgebieten Nutzer abjagen sollen, versucht sich Opera mit Version 12 auch an Videokonferenzen und Fotos. Der Zugriff auf die Webcam mit HTML und JavaScript soll nicht mehr, wie ursprünglich vorgesehen, über ein <device>-Element geschehen, sondern mit einer experimentellen API namens getUserMedia. Missbrauch will Opera mit dem gleichen Mechanismus wie bei Geolocation verhindern, also mit einem vom Browser initiierten Dialogfenster.

In der Schnellwahlseite kann Opera 12 zusätzlich zum Hintergrundbild das komplette Browser-Theme ändern, wofür es außer der Grafik nur ein paar Zusatzinformationen braucht, zum Beispiel über die Basisfarbe; daraus generiert die Software dann automatisch ein Farbprofil. Die inkrementelle Suche bei der Adresseingabe stellt die Treffer übersichtlicher dar und differenziert nicht mehr zwischen Lesezeichen und History. Wie die neuen Mobilversionen informiert Opera 12 über die Datenkompression und reichert die Adresszeile um den Stern-Button an.

Auch die Verbesserungen an der JavaScript-Engine und am Netzwerk-Code teilt Opera 12 mit Mobile und Mini. Der HTML-Parser ist wie bei der Konkurrenz endlich auf die mit HTML5 veränderte Syntax eingestellt, was zum Beispiel SVG-Code innerhalb von HTML erlaubt. Auch bei der vollständigen Unterstützung von ECMAScript 5.1, der Grundlage von JavaScript, zieht Opera nach. Bei CSS zählen radiale Gradienten zu den wichtigsten Neuerungen. Damit steigt der Score beim HTML5test von 286+7 in Opera 11.51 auf 336+9 von 450 Punkten, womit er hinter Chrome knapp Platz zwei belegt. Ein Termin für die finale Version von Opera 12 ist noch nicht bekannt; zu rechnen dürfte mit ihm um Weihnachten herum sein.

Eine bemerkenswerte Zukunftstechnik, die vor allem für Tablets interessant sein dürfte, stellte Håkon Wium Lie vor. Mit dem von Lie entworfenen CSS-„Paged Media Module“ stellt der Browser Webseiten ohne Scrollbalken dar, sodass sich der Benutzer horizontal blätternd durch den Inhalt bewegt. Damit könnten Webseiten auf Touch-Geräten in Sachen Usability mit Tablet-Apps gleichziehen.

Das Blättern funktioniert auch seitenübergreifend, wenn ein <link>-Element die Verbindung zwischen den Dokumenten festlegt. Bilder und Kästen lassen sich an den Seitenrändern ausrichten. Mit Hilfe der gleichfalls neu unterstützten Spezifikation „DeviceOrientation“ erkennt die Webseite auch, wenn das Display gedreht wurde. Opera 12 Alpha scheint Paged Media jedoch noch nicht zu unterstützen.

Immer mal wieder wurde Opera abgeschrieben oder als Übernahmekandidat gehandelt, doch derzeit fährt das Unternehmen gut damit, das Web auf möglichst viele Geräte zu bringen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Operas Aktivitäten im Bereich Fernsehen. Auch der Desktop-Browser trägt über die Suchdienste zu einem Viertel der Gesamteinnahmen bei und finanziert seine Weiterentwicklung. Dass das Unternehmen seine Reputation und seinen Erfolg Innovationstreibern wie Lie oder von Tetzchner verdankt, scheint auch der aktuelle Vorstand zumindest bisher nicht vergessen zu haben.

www.ct.de/1123036 (heb)