Retortenstadt: Archiv Utopia

Kann eine aus politischem Willen heraus entstandene Stadt echter Lebensraum werden oder bleibt sie eine sterile Parallelwelt? Archiv Utopia spürt dieser Frage mit faszinierenden Bildern, sorgfältiger Archivarbeit und umfangreichem Begleittext nach.

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Von
  • Robert Seetzen

Archiv Utopia

(Bild: Verlag Kehrer)

Kann eine aus politischem Willen heraus entstandene Stadt echter Lebensraum werden oder bleibt sie eine sterile Parallelwelt? Archiv Utopia spürt dieser Frage mit faszinierenden Bildern, sorgfältiger Archivarbeit und umfangreichem Begleittext nach.

Es geht um eine neue Stadt, mitten im Nichts. Klimatisch und topologisch zwar durchaus günstig gelegen, dennoch aber weit entfernt von allen bisherigen Zentren des riesigen Staates, in dem sie entstehen soll. Die Rede ist natürlich von Brasilia, der lange geplanten und erst in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts tatsächlich gebauten, neuen Hauptstadt Brasiliens. Am Reißbrett konzipiert, bar jeder natürlich gewachsenen Struktur galt Brasilia lange Zeit als besonders drastisches Beispiel politischen wie städtebaulichen Machbarkeitswahns. Zugleich aber auch als interessantes Studienfeld avantgardistischer Architektur und urbaner Planung.

Heute, bald 50 Jahre nach der Einweihung Brasilias, nähern sich Lina Kim und Michael Wesely der Metropole auf bemerkenswerte, gleichermaßen spannende wie informative Weise. Archiv Utopia verbindet Aufnahmen aus dem Jahr 2004 mit zahlreichen Fotos, die das Autorenduo einem umfangreichen, bislang kaum erschlossenen Bildarchiv aus der Bauphase Brasilias entnommen hat. Dass der Bildband dabei eine vielleicht einzigartige Brücke durch die Zeit schlägt, ist vor allem der besonderen Aufnahmetechnik von Michael Wesely zu verdanken.

Schon in früheren Projekten hatte Wesely mit ungewöhnlich langen Belichtungszeiten gearbeitet, einige Bilder entstanden über Zeiträume von mehr als zwei Jahren. Gemessen daran müssen die Bilder aus Brasilia zwar fast als Schnappschüsse gelten, denn viele wurden nur etwa drei bis sechs Stunden belichtet. Dennoch gerät das Ergebnis, vor allem in Kontext dieses Buches, erstaunlich eindrucksvoll. Menschen und Autos verschwimmen im Bild, meist verschwinden sie sogar völlig. Übrig bleibt eine fast leere, scheinbar kaum bewohnte Geisterstadt.

Mit Wesely und Kim durch ein nahezu unbelebtes Brasilia zu wandern, kann der inzwischen von mehr als zwei Millionen Menschen bewohnten Metropole natürlich nicht gerecht werden. Die Langzeitbelichtungen verzerren die Wirklichkeit, vermitteln im Extremfall den Eindruck eines letztlich gescheiterten Mammutprojekts. Zugleich lenken sie Aufmerksamkeit aber gerade auf den besonderen Werdegang der Stadt, auf ihre geometrischen Strukturen und die auch für kritische Betrachter zumindest faszinierende Ästhetik ihrer Architektur.

So erzählt Archiv Utopia in durchaus doppelbödiger Weise von Wunsch und Wirklichkeit. Es schafft einerseits irritierende Illusionen rund um eine Stadt, von der hierzulande kaum jemand Nennenswertes weiß. Zugleich öffnet es aber auch, nicht zuletzt dank umfangreicher Begleittexte, Zugang zu einer ästhetisch, kulturell und politisch hochinteressanten Thematik. Ein fraglos wertvolles, inhaltlich wie visuell herausforderndes und anregendes Buch.

Archiv Utopia
Lina Kim, Michael Wesely
Hrsg. Anette HĂĽsch
Verlag Kehrer
168 Seiten, 107 Abbildungen (Farbe / SW)
Text: deutsch, englisch
22 Ă— 25 cm
30 Euro
ISBN 978-3-86828-221-4

(tho)