ITU will sich langsam der Wissenschaft öffnen

Die International Telecommunication Union hat auf einer zweitägigen Tagung mit Universitätsvertretern über eine mögliche Öffnung der Organisation für die Forschung gesprochen.

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Von
  • Wolfgang Kleinwächter

Die UN-Teilorganisation "International Telecommunication Union" (ITU) in Genf plant, ihre Beziehungen zur akademischen Welt zu verbessern. Auf einem zweitägigen Treffen, das die ITU-Abteilung für Standardisierung (ITU-T) mit Vertretern von über 40 Universitäten vergangene Woche in Genf organisierte, wurde auch das Projekt einer "ITU-T Akademie" besprochen, in der akademische Forschung im Zusammenhang mit der Standardisierung von Telekommunikationsdiensten gebündelt werden könnte. Dabei geht es der ITU insbesondere darum, Forschung in der so genannten Vorphase von Standardisierungsprozessen zu stimulieren, um damit die Arbeit in den "Study Groups" der ITU effektiver zu gestalten. In den "Study Groups" können nur ITU-Mitgliedsstaaten und "Sector Members" aus der Privatwirtschaft mitarbeiten. Experten haben, insofern sie nicht als offizielles Delegationsmitglied einer Regierung nominiert sind, bislang keinen Zugang, weder zu den Sitzungen der "Study Groups" noch zu den diskutierten und verabschiedeten Dokumenten, den rechtsverbindlichen "ITU-T Recommendations".

Das Genfer Treffen wurde vom neuen stellvertretenden ITU-Generalsekretär Huolin Zhao eröffnet. Zhao stellte fest, dass sich weltweit viele kluge Köpfe mit der Entwicklung von Informations- sowie Kommunikationstechnologien und neuen Telekommunikationsdiensten beschäftigen, aber nur wenige bislang in die Arbeit der ITU einbezogen werden. Das betreffe nicht nur die etablierten Elite-Universitäten in Nordamerika und Europa. Zunehmend gebe es auch erstaunliche Forschungsergebnisse an Universitäten aus Entwicklungsländern, da dank des Internets der Zugang zu neustem Wissen für Forscher immer leichter wird. In vielen universitären Studiengängen, die sich mit ICT und Telekommunikation befassten, fände aber die ITU keine Erwähnung. Bis auf wenige Ausnahmen wüssten selbst Absolventen von Telekom-Hochschulen nach Abschluss des Studiums nur wenig über die ITU. Dies wolle man ändern. Auch der neue Direktor des ITU-Sektors für Standardisierung, der Brite Malcolm Johnson, setzte sich nachdrücklich für eine engere und flexiblere Kommunikation zwischen ITU-Bürokraten, Regierungsvertretern, der Privatwirtschaft und Akademikern ein. Erst jüngst hatte die ITU bei ihrer alle vier Jahre stattfindenden Generalkonferenz im November 2006 in Antalya die Bildung einer Arbeitsgruppe beschlossen, die Empfehlungen erarbeiten soll, wie Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) der Zivilgesellschaft enger in die Arbeit der ITU einbezogen werden können.

Die Universitätsverteter begrüßten ihrerseits die angekündigte Öffnung der ITU gegenüber dem akademischen Sektor, verwiesen jedoch darauf, dass eine stärkere Einbeziehung von Akademikern in die ITU-Arbeit Vorteile für beide Seiten bieten müsste. Für die Teilnahme an ITU-Expertenkonferenzen stünden den meisten Universitäten keine zusätzlichen Reisebudgets zur Verfügung. Gefordert wurde, neue Fragestellungen im Zusammenhang mit ITU-Standardisierungsfragen als Forschungsprojekte zu konzipieren, die kompatibel mit den Forschungsstrategien der universitären Institute sind und für die dann individuelle Finanzierungsmodelle gemeinsam mit dem privaten Sektor gefunden werden könnten. Skeptisch wurden auch die als zu bürokratisch angesehenen Regeln der ITU bewertet. Bei anderen nicht-staatlichen Standardisierungsorganisationen wie der "Internet Engineering Task Force" (IETF), dem "World Wide Web Consortium" (W3C) oder dem "Institute for Electrical and Electronic Engineers" (IEEE) gebe es erheblich mehr Flexibilität, niedrigere Zugangsbarrieren und größere akademische Reputation.

Die ITU machte klar, dass ihre finanziellen Möglichkeiten, nicht zuletzt auch wegen der noch immer hohen Verschuldung der Organisation, sehr begrenzt seien. Sie bot an, den bislang kostenpflichtigen Zugang zu ITU-Dokumenten und Forschungsergebnisse zu erleichtern, traditionelle Verfahren für eine Beteiligung von Akademikern an der ITU zu flexibilisieren und als Clearinghouse, Informationsbroker und Kontaktbörse zu dienen. Dabei verwiesen ITU-Vertreter jedoch auch darauf, dass die Einführung eines neuen Mitgliedsstatus für Akademiker in der ITU eine Verfassungsänderung erfordert, die frühestens bei der nächsten Generalversammlung im Jahr 2010 in Mexico-City diskutiert werden könnte. Inwieweit dieses Angebot für akademische Forscher an Universitäten attraktiv genug ist, um sich stärker in die ITU-Arbeit einzubringen, bleibt jedoch abzuwarten.

Auf dem Treffen selbst wurden daher zunächst keine formellen Entscheidungen gefällt. Der Prozess der Öffnung und Annäherung soll schrittweise vorangetrieben werden. So wurde zunächst eine informelle Arbeitsgruppe unter Leitung von David Mellor, Chairman der "United Kingdom Telecommunications Academy", etabliert, die sich mit fünf konkreten Vorschlägen befassen soll. Dazu gehört auch die Herausgabe eines neuen "ITU Technology Journals", die Organisation eines akademischen Symposiums zum Thema "Next Generation Networks" und die Aufstellung eines "Educational Action Plans". Bei der nächsten Tagung der "Telecommunication Standardization Advisory Group" (TSAG) Ende Februar 2007 wird deren Vorsitzender Gary Fishman von Alcatel-Lucent einen Bericht über das Genfer Treffen geben. Die Empfehlungen der TSAG gehen dann an die Study Groups und eventuell auch an den jährlich tagenden ITU Council. Mellor kündigte auch an, dass das informelle Academic Steering Committee (IASC) bis Mitte Mai erste Empfehlungen auf den Tisch legen will. Aus Deutschland waren die "Rheinisch Westfälische Technische Hochschule Aachen" sowie das Fraunhofer-Institut für System und Innovationsforschung aus Berlin vertreten. (Wolfgang Kleinwächter) / (vbr)