Mathematik als Waffe

US-Forscher haben kürzlich die Redewendung „Mit Mathe kann man mich jagen“ eindrücklich in die Realität übertragen.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Mathematik hat häufig und über alle Altersstufen hinweg einen schlechten Ruf. Schüler stöhnen, wie öde das Fach sei und wofür sie das überhaupt je wieder brauchen würden; Studenten (selbst naturwissenschaftlicher Fächer) sehnen häufig einfach das Ende der Vorlesung herbei; und wer bereits im Arbeitsleben steht, ist auch meist froh, dem Fach entronnen zu sein. Auf Partys ist es gar Mode, mit seinen Wissenslücken auf diesem Gebiet zu kokettieren.

Dabei gibt es viele positiven Beispiele, mit denen das Image von Mathematik aufpoliert und Schülern wie Studenten schmackhaft gemacht werden könnte: beispielsweise das Buch „Alex im Wunderland“ (s. TR 11/2011) oder der Algorithmus, mit dem US-Forscher kürzlich die Redewendung „Mit Mathe kann man mich jagen“ eindrücklich in die Realität übertragen haben. Die Mathematiker um Andrea Bertozzi von der University of California in Los Angeles (UCLA) haben sich mit dem Los Angeles Police Department zusammengetan, um mit Hilfe spezieller Algorithmen kriminelle Banden dingfest zu machen. Zunächst analysierten die Forscher für die Entwicklung ihrer Software mehr als 1000 echte Kriminalfälle, die sich alle im Hollenbeck-Viertel von Los Angeles zugetragen hatten – und entweder sicher einer von 30 Gangs zugeschrieben werden konnten oder hinter denen Gangmitglieder als Täter vermutet wurden.

Für den anschließenden Test wurde der Algorithmus mit fiktiven, aber auf realen Fällen fußenden Verbrechen gefüttert, bei denen stets eine entscheidende Information fehlte – mal das Opfer, mal der Täter oder beide. Das Programm sollte auf die fehlende Information schließen und schnitt dabei, wie die Forscher im Fachjournal „Inverse Problems“ schreiben, sehr gut ab: In 80 Prozent der Fälle grenzte es den Kreis der Verdächtigen auf drei Gangs ein, indem es die Banden als – untereinander durch Rivalitäten verbundenes – Netzwerk betrachtete. In jedem zweiten Fall ermittelte das Programm sogar die richtige Gang. Würden sich die Ermittler einfach auf den Bauch hauen und raten, lägen sie statistisch gesehen nur in 17 Prozent der Fälle richtig.

Auch wenn der Algorithmus also keine Wunderwaffe ist, die Fälle anstelle der Polizei löst, grenzt sie den Ermittlungsaufwand zumindest stark ein. Und die Forscher sehen die Anwendungsmöglichkeiten der Software nicht nur auf Bandenkriminalität begrenzt, auch Hacker könnten mit ihr beispielsweise aufgespürt werden. Leider könnte die Mathe-Waffe auch Unternehmen helfen, ihre Werbemaßnahmen im Internet stärker auf einzelne Konsumenten zuzuschneiden, indem sie ihre Online-Kaufgewohnheiten auswerten. Da hört meine wiedererweckte Begeisterung für Mathe dann allerdings ganz schnell wieder auf. (vsz)