Die Suche nach dem Sein
Die neue HP-Chefin Meg Whitman wird eine Frage beantworten müssen, auf die nicht nur ihr Vorgänger Léo Apotheker keine rechte Antwort wusste: Was ist HP?
Was ist HP?“ Mit dieser Frage wurde sie in ihren ersten Tagen als HP-Chefin überall konfrontiert, gab Meg Whitman in Gesprächen mit amerikanischen Journalisten zum Besten. Die ehemalige eBay-Managerin spielte damit auf die Verwirrung an, die ihr Vorgänger Léo Apotheker mit seinen strategischen Überlegungen gestiftet hatte. Wenig überraschend korrigierte sie als erste grundlegende Amtshandlung die umstrittenste Entscheidung Apothekers: Der US-amerikanische Konzern hat die PC-Sparte wieder lieb. Nach einer Analyse der Auswirkungen einer möglichen Auslagerung der Personal Systems Group (PSG) hält die HP-Führung am PC-Geschäft fest. Zu tief sei die operationale Verzahnung mit den anderen Bereichen, zu kostspielig die Abspaltung, heißt es (s. S. 49 in iX 12/2011).
Nun lässt sich dem geschassten Léo Apotheker vieles vorwerfen. Dass er nicht rechnen kann, wäre neu. Ihm eilt vielmehr der Ruf voraus, seine Entscheidungen konsequent – man könnte auch sagen mit analytischer Rücksichtslosigkeit – an Kosten und Margen zu orientieren. Ein außenstehender Beobachter muss daher den Schluss ziehen, dass Apotheker den US-Konzern in seinen Strukturen und in seinen Befindlichkeiten nicht begriffen hatte. Vielleicht verstand der Manager, der in seinem bisherigen Arbeitsleben nur Erfahrungen in der Softwarebranche sammelte, auch einfach zu wenig von Hardware.
Der von Apotheker ins Auge gefasste Konzernumbau mit Ausgliederung der PSG bei gleichzeitiger Konzentration auf die lukrativeren Software- und Services-Geschäfte hätte für HP ein hohes Risiko bedeutet. Das Beispiel IBM, das Analysten gerne als einen gelungenen Konzernumbau herauskramen, taugt an dieser Stelle nicht. Denn Big Blue verkaufte 2004 sein PC-Geschäft an Lenovo aus einer deutlich anderen Marktposition heraus. Im Unterschied zu HP musste man bei IBM eine Stellung im Software- und Service-Markt eher verteidigen denn neu aufbauen. Spätestens nach dem Desaster um das PC-Betriebssystem OS-Halbe hatte das Topmanagement des IT-Dinos zudem das Interesse an den kleinen Systemen verloren. Für HP stellt die PSG jedoch den größten Umsatzträger dar, mit dem man sogar Geld verdient und nicht wie die damalige PC-Sparte der IBM tiefrote Zahlen schreibt.
Ebenso richtig ist allerdings, dass die Verfassung der Personal Systems Group aufgrund anhaltend niedriger Gewinnmargen, rückläufiger Umsätze und schwächelnden Privatkundengeschäfts bei HP wiederholt in der Kritik stand. An der Absicht, trotz der Risiken die Abspaltung vorzunehmen, ist Apotheker letztlich nicht gescheitert. Es war vielmehr die desaströse Kommunikation seiner Vorstellungen, die ihn den Job kostete. Ähnlich wie in seiner Zeit als SAP-Chef schaffte er es mit der ihm eigenen Art der Unternehmensführung, Belegschaft, Managerkollegen und Kunden gegen sich aufzubringen. Zu sprunghaft wirken im Rückblick seine Aussagen zur Bedeutung von Produkten; Palm sei hier nur ein Beispiel. Zu unglaubwürdig wirkten seine Umsatz- und Gewinnprognosen, die er in schöner Regelmäßigkeit nicht einhalten konnte.
Die Frage „Was ist HP?“ hätte allerdings schon vor Apothekers Amtsantritt ihre Berechtigung gehabt. Sein Vorgänger, Mark Hurd, hatte aus dem Unternehmen durch diverse Zukäufe wie 3Com, EDS, Peregrine oder Mercury den umsatzstärksten IT-Konzern mit Komplettangebot gezimmert. Wenn es dem Börsenkurs nutzte, veranlasste Hurd ohne Skrupel Massenentlassungen oder strich Investitionen in Forschung und Entwicklung kräftig zusammen. Jenseits von Aussagen zu Cloud, IT-Services und Ähnlichem, die in ihrer Banalität zu jedem Unternehmen passen, mangelte es an Klarheit, wofür HP stand und wohin sich das Unternehmen entwickeln will. Der Antwortversuch von Léo Apotheker wurde als untauglich verworfen. Jetzt liegt der Ball bei Meg Whitman. (nti)