Akrobaten der Lüfte

Aufschwung und Überschlag gibt es nicht nur beim Turnen. Wer sie in 1000 Meter Höhe praktiziert, geht allerdings ein grĂ¶ĂŸeres Risiko ein als Sportler auf der Erde.

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Von
  • Kai König

Sie sind die Akrobaten der LĂŒfte und vollfĂŒhren in ihren Flugzeugen gewagte und abenteuerlich aussehende Manöver am Himmel: Kunstflieger. Zu diesem spektakulĂ€ren Aspekt der Fliegerei hat natĂŒrlich auch das Internet einiges zu bieten. Wie so oft bietet der Wikipedia-Artikel zum Thema Kunstflug einen guten Einstiegspunkt. Hier lernt man unter anderem, dass sich der heutige Kunstflug durch Bewegungen auszeichnet, die fĂŒr den Normalflug nicht erforderlich sind. Kunstflug an sich ist mit Motor- und Segelflugzeugen oder sogar Helikoptern möglich.

Fragt sich, was unter der Formulierung „fĂŒr den Normalflug nicht erforderlich“ zu verstehen ist. Das Konzept des Normalflugs besteht aus Prozeduren wie Start und Landung, dem Steigen und Sinken sowie dem Fliegen von Kurven innerhalb gewisser Parameter. Nicht mehr zum Normalflug gehören beispielsweise die sogenannten Strömungsabrisse durch zu hohen Anstellwinkel der FlĂŒgel (Stalls), das Trudeln (Spin) oder Sturzflug-Manöver (dive beziehungsweise spiral dive), die angehende Piloten je nach Land und Lehrplan erlernen mĂŒssen, um die Privatpiloten-Lizenz zu erlangen.

Wer mehr ĂŒber Aerodynamik und ihre praktische Anwendung fĂŒr das Fliegen erfahren möchte, sollte sich die Vortragsunterlagen von Dieter Thomas zu GemĂŒte fĂŒhren. Sie informieren ĂŒber Auftrieb und Widerstand sowie verschiedene FlĂŒgelprofile. Die Grundlagen des Fliegens vermittelt sehr anschaulich eine Seite des Humboldt-Gymnasiums Vaterstetten..

Nach diesem kurzen Exkurs nun zurĂŒck zu den vom Normalflug abweichenden Fluglagen. Beim Strömungsabriss durch zu hohen Anstellwinkel der FlĂŒgel handelt es sich in der Regel um eine Übung, die angehende Privatpiloten in der Mitte ihrer Ausbildung kennen lernen. Das Flugzeug wird dazu ĂŒblicherweise in eine verlangsamte Fluglage mit verringerter Motorleistung gebracht. Durch Ziehen am Höhenruder fĂŒhrt der FlugschĂŒler den zu hohen Anstellwinkel Schritt fĂŒr Schritt herbei. Seine Aufgabe ist es dann, typische Zeichen des drohenden Strömungsabrisses zu erkennen und abzuwenden. Was aerodynamisch am FlĂŒgel bei verschiedenen Stall-Situationen passiert, zeigt das Video „Piper Tomahawk Stall Analysis“. Eine Cockpit-Aufnahme einer Stall-Übung findet man auf Youtube.

Beim Trudeln handelt es sich um ein komplexeres und potenziell gefĂ€hrlicheres Manöver. Auch hier demonstriert ein kurzes Cockpit-Video den Übergang vom herbeigefĂŒhrten Strömungsabriss zum Trudeln und dem erneuten Übergang in den Normalflug. Ist das Abwenden eines Strömungsabrisses im Wesentlichen eine Standardprozedur, so hĂ€ngt die sogenannte Spin-Recovery von den aerodynamischen Eigenschaften des Flugzeugtyps ab oder gar von einzelnen Baureihen eines Typs. Der Versuch einer aerodynamischen ErklĂ€rung findet sich bei der DG Flugzeugbau.

WĂ€hrend Strömungsabrisse kein wirkliches Kunstflugelement sind, handelt es sich beim Trudeln um eine offizielle Kunstflugfigur. Wie andere Sportarten ist der Kunstflug mit Regeln fĂŒr die Darstellung von Figuren und deren Bewertung in Wettbewerben reglementiert. Allerdings mĂŒssen Kunstflieger in Deutschland gemĂ€ĂŸ § 81 der „Verordnung ĂŒber Luftfahrtpersonal“ eine Kunstflugberechtigung erwerben. Sie besteht aus mindestens fĂŒnf Flugstunden mit Einweisung in besondere FlugzustĂ€nde und den damit verknĂŒpften sieben Übungen: Überschlag, Turn, gesteuerte Rolle, hochgezogene Rollenkehre, Aufschwung, RĂŒckenflug sowie Trudeln. Den Abschluss bildet eine praktische PrĂŒfung. Jedes Land vergibt die Berechtigung nach individuellen Anforderungen ihrer Aufsichtsbehörde. Eine Reglementierung auf europĂ€ischer Ebene gibt es nicht.

Auf den Seiten des Deutschen Aero Clubs findet man einen Abriss der Geschichte des Motorkunstflugs. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Entwicklung der Grundfiguren des Kunstflugs auf den Wunsch der ersten Piloten zurĂŒckgeht, ihre Maschinen zu beherrschen. Diese Entwicklung haben die Kampfpiloten im Ersten Weltkrieg weiter vorangetrieben. Einer der noch heute bekanntesten Namen ist Max Immelmann, der die nach ihm benannte Wende einfĂŒhrte. Allerdings bezweifeln viele, dass diese mit den damaligen Fokker-Maschinen ĂŒberhaupt durchfĂŒhrbar war (siehe dazu diese Übersicht ĂŒber die im Ersten Weltkrieg entwickelten Flugmanöver.

Heute ist der Kunstflug in zwei Disziplinen unterteilt. Neben dem Sport, bei dem es um die exakte Darstellung einer Kombination verschiedener zugelassener Figuren geht, haben vor allem in den letzten 20 Jahren spektakulÀre Kunstflug-Darstellungen bei Flugschauen deutlich an PopularitÀt gewonnen.

Im Kunstflug-Sport finden WettbewerbsflĂŒge innerhalb der sogenannten Box statt, einem imaginĂ€ren Quader von jeweils 1000 m Breite und LĂ€nge sowie einer Obergrenze von ebenfalls 1000 m ĂŒber dem Erdboden. Je nach Wettbewerbsklasse hat der Quader eine Untergrenze von zwischen 100 m und 400 m – das Verlassen der Box fĂŒhrt zu Strafpunkten in der Bewertung der Figuren.

Jede Figur im Kunstflug-Sport muss im Aresti-Katalog enthalten sein. Graf JosĂ© Luis de Aresti Aguirre war in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts der spanische Delegierte der Kunstflugkommission der FAI und setzte die Notation von Kunstflugfiguren und -manövern mithilfe seiner Symbole durch. Diese schematischen Zeichnungen einzelner Figuren lassen sich zu komplexen Flugprogrammen zusammensetzen. Der Aresti-Katalog ist aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten nicht online verfĂŒgbar, sondern nur als kostenpflichtige, gedruckte Version erhĂ€ltlich.

Eine gelungene EinfĂŒhrung in die Kunstflug-Notation bietet Steffen Engel. Der Autor erlĂ€utert hier die einzelnen Aresti-Symbole im Detail und erklĂ€rt, wie sie sich zu komplexeren Flugfiguren zusammensetzen lassen.

Wettbewerbe im Kunstflug-Sport werden in verschiedenen Klassen ausgerichtet. Ein typisches Programm besteht aus einer bekannten und einer unbekannten PflichtĂŒbung sowie einer individuellen KĂŒr. Jedem Manöver ist im Aresti-Katalog ein Schwierigkeitsgrad zugeordnet. Dieser wird mit einer von den Preisrichtern vergebenen Note zwischen 0 und 10 multipliziert und in einem aufwendigen Berechnungsverfahren unter Zuhilfenahme von Regeln fĂŒr die minimale und maximale Anzahl geflogener Figuren et cetera normalisiert.

Die letzte Weltmeisterschaft im Motorkunstflug fand im September 2011 in Italien statt. Auf der Webseite des Events findet man einige atemberaubende Videos und Fotos. Auch die deutsche Unlimited-Nationalmannschaft im Motorkunstflug war vertreten und hat ihr eigenes Blog.

Im Simulatorbereich gibt es ebenfalls Kunstflug-Interessierte. Was liegt auch nĂ€her als verschiedene Kunstflug-Elemente zunĂ€chst in Simulatoren wie Microsofts Flight Simulator oder X-Plane zu ĂŒben? Die Liebe zum simulierten Kunstflug geht sogar so weit, dass seit einigen Jahren Weltmeisterschaften in dieser Disziplin veranstaltet werden. Weitere Informationen und Videos sind auf www.flightxtreme.com zu finden.

Eine spezielle Form des Kunstflugs sind die Air Races. Sie sind durch die von Red Bull zwischen 2003 und 2010 veranstaltete Rennserie bekannt geworden und werden oftmals auch als die Formel 1 der LĂŒfte bezeichnet. Aufgrund von Sicherheitsbedenken verschiedener Veranstalter hat die Rennserie allerdings vorerst pausiert. (ka)