AbstĂĽrzende Toiletten

Der US-Sanitärhersteller Kohler bietet mit „Numi“ die Mutter aller Toiletten an. Sie hat eine Touchscreen-Fernbedienung, einen Prozessor und einen Steckplatz fürs iPhone. Dumm nur: Manchmal muss man sie neu booten.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Vor vier Jahren habe ich an dieser Stelle darüber philosophiert, dass wir bei der fortschreitenden Technisierung selbst einfachste Handgriffe nicht mehr selber machen müssen: Auf öffentlichen Toiletten haben Wasserhähne längst keine Ventile oder Hebel mehr sondern nur noch Sensoren, vor denen man wie ein Jedi-Ritter herumwedeln muss, bis sie reagieren („Du gibst mir jetzt Wasser!“). Ich hatte mich gefragt, wann es soweit sein würde, bis auch die Türen der Kabinen nur noch per Gewedel vor einem Sensor im Schloss aufgehen. Soweit sind wir (meines Wissens) noch nicht, aber es kann nicht mehr lange dauern.

2009 berichteten wir über Toiletten, die ebenfalls mit Hilfe von Sensoren die Absicht ihrer Besitzer erahnen und sich automatisch öffnen, wenn Herrchen oder Frauchen sich nähert. Japanische Hersteller wie Toto, Inax und Panasonic lagen auf diesem Gebiet bisher vorne und warben mit vollautomatischen, wartungsfreien Roboiletten. Wir stellten damals fest, dass für solche Wunderwerke der Technik die Bezeichnung „Klo“ fast schon eine Beleidigung sei.

Die Frage ist allerdings, ob der vom US-Hersteller Kohler bemühte Begriff „smart toilet“ wiederum nicht zu viel des Lobes ist. Der Sanitärhersteller bewirbt damit seine Antwort auf die japanischen Toiletten der Zukunft: „Numi“ kostet schlappe 6400 Dollar und reagiert ebenfalls proaktiv auf nahende Kundschaft. Die Toilette kann auch, falls gewünscht, den Allerwertesten mit einer beheizbaren Klobrille und mit verschiedenen Spülprogrammen verwöhnen – diese Funktion ist über eine Touchscreen-Steuerung sogar personalisierbar.

Und da wird es dann heiter bis unheimlich. Spricht der Abort demnächst auch mit mir? Abwegig ist das nicht. Numi verfügt nämlich auch über einen Steckplatz fürs iPhone, und dessen neuestes Modell hat ja mit Siri einen sprachgesteuerten, sprechenden Assistenten. Vielleicht ist dann auch die App nicht mehr weit, die der Toilette, eine bestimmte Stimme verleiht, ähnlich wie es bei Auto-Navigationsgeräten schon der Fall ist. Und vielleicht hatte der Kabarettist, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann, gar nicht so Unrecht, als er sich – über die fortschreitende Technisierung unserer Heime sinnierend – ausmalte: Eines Tages könnte die smarte Waschmaschine die Socken mit der Begründung ablehnen: „Nee, nee, nee, die sind doch noch nicht dreckig, die ziehen Sie schön nochmal an!“

Ob Numi nun sprechen kann oder nicht, das im wahrsten Sinne des Wortes dringendste Problem ist: Da die ach so smarte Toilette mit einem Prozessor operiert, kann sie logischerweise auch abstürzen, wie der Technikredakteur der New York Times in einem einmonatigen Härtetest herausfand – er musste das gute Stück tatsächlich neu booten. Wenn das nun passiert, wenn der Deckel geschlossen ist, kann man nur hoffen, dass ein Override für mechanische Krafteinwirkung vorgesehen ist. (vsz)