Klein, aber fein
Waren Industrieroboter bisher vor allem groĂź und schwer, kommen nun kompakte Automaten in Mode, zeigt die japanische Roboterausstellung Irex.
- Martin Kölling
Auf der japanischen Roboterausstellung Irex war der deutsche Hersteller Kuka in diesem Jahr breit vertreten: Die Standfläche fiel nicht nur größer aus als sonst, es gab diesmal auch den innovativen Roboterarm des Konzerns zu sehen – und vor allem zu berühren. So nahe wie dem "Leichtbauroboter" (LWR auf Englisch) kamen die Besucher auf der Messe sonst keinem aktiven Fabrikroboter. Das für mich Interessanteste ergab sich allerdings im Gespräch mit dem zuständigen Ingenieur, Michael Gerung. Er erzählte mir, dass sich sogar Krankenhäuser in den USA den Arm bestellt hätten, um dessen Tauglichkeit bei der Ultraschalluntersuchung von Schwangeren zu testen. Offenbar leiden die Mediziner durch die immer gleichen Bewegungsabläufe an einem sehr schmerzhaften "Ultraschallarm". Und sie hoffen, dass der wirklich sehr feinfühlige und durchaus süße Roboter ihnen diese Routine abnehmen kann.
Der Siegeszug der Roboter, die unter Menschen eingesetzt werden, wird also vielleicht von einer Ecke aus stattfinden, die sich bisher keiner so richtig vorstellen kann. Denn die Kreativität des Homo Sapiens schafft es immer wieder, ein Produkt, das für eine Lösung entwickelt wurde – in diesem Fall die Arbeit mit dem Menschen an einer Werkbank – für ganz neue Zwecke zu verwenden, an die vorher niemand gedacht hat. Ein anderes Beispiel ist der Videospielkontroller Kinect von Microsoft, der von mehreren Roboterherstellern auf der Messe als 3D-Scanner für Räume und Gegenstände eingesetzt wird.
Und nach den Großgeräten kommt jetzt ein Heer von kleinen Robotern auf uns zu, die Automatisierung auch für den Mittelstand interessant machen. Kukas LWR ist einer der Vertreter, ein anderer der humanoide Nextage von Kawada Industries, der sich schon heute eine Werkbank mit Arbeitern teilen kann.
Faszinierender war für mich allerdings der Stand des Automobilzulieferers Denso, der sich nebenbei Klimaanlagen und Dieseleinspritzungen auch auf kleine Roboter spezialisiert hat. Zwei Roboterärmchen demonstrieren mit einer Autorennbahn, wie genau sie arbeiten können. Erst halten sie die Brücke der Renn-Acht. Doch kaum fährt das Rennauto auf den Brückenabschnitt, heben sie sich und halten abwechselnd ein Brückenteil immer wieder vor das andere, um das Auto in der Luft immer einen Abschnitt weiter rutschen zu lassen. Dann schließen die Roboter die Rennbahn wieder und der kleine Renner vollendet seine Runde. Automaten wie diese werden offenbar inzwischen gerne beim Blumenabpacken und Kakteeneinsetzen verwendet, sagte mir ein dänischer Verkaufsvertreter für Densos Roboter.
Was diese Roboter offenbar für kleinere Firmen interessant macht, ist ihre Flexibilität. Große Industrieroboter sind hochspezialisiert, kaum zu bewegen und inflexibel. Wenn dann einmal die Auftragslage einbricht, lassen sie sich nur schwer für andere Aufgaben umrüsten, kleine Roboter hingegen schon. Um den Verkauf der kleinen Helfer so richtig anzukurbeln, arbeitet Denso überdies massiv mit kleinen Softwareschmieden zusammen, die spezielle Dienste entwickeln. Das Unternehmen Mujin beispielsweise hat die erste Cloud-basierte Simulationssoftware für die optimale Platzierung von Robotern entwickeln.
"Die Unternehmen kämpfen mit dem Problem, ihre Roboter optimal aufzustellen", sagt Diankov Rosen, der CTO des kleinen japanischen Start-ups. Der Leistungsunterschied zwischen der normalen und der optimalen Position beträgt den Einschätzungen seiner Firma rund 25 Prozent, denn das so genannte "Motion Planning Problem" ist recht komplex. Die neue Software, die gerade aus der Entwicklungs- in die Produktphase überführt wird, soll nun die Aufgabe, an der Rechner bisher Stunden herumgerechnet haben, in fünf bis zehn Minuten in der Wolke lösen.
Eine interessantes Produkt ist auch der Telepräsenz-Roboter von Orylab, einem Spin-off der Waseda-Universität. Bei den etwa 10 bis 30 Zentimeter hohen Kreationen von Kentaro Yoshifuji handelt es sich um ein modulares Konzept, das verschiedene Roboterformen ermöglich. Yoshifuji hat einen Kopf entwickelt, der optional auf verschiedene Rümpfe gesetzt werden kann, eine Art Katze mit beweglichem Schwanz oder einem großbusigen Mini-Humanoiden.
Gedacht ist dieses Gerät für bettlägerige Patienten, die auf diese Weise über mehrere tausend Kilometer hinweg an Reisen von Freunden oder Familienangehörigen teilnehmen können. Die Ausflügler nehmen den Roboter mit, und der Nutzer kann immer sehen, wo die anderen sind, was sie machen. Und wenn er will, kann er sich in die Konversation einschalten und auch durch die Roboterbewegungen nonverbal kommunizieren. Den Kopf drehen, als Katze mit dem Schwanz wackeln oder als Humanoid über den Restauranttisch stapfen. Das Allerbeste: Wer will kann dem Kopf ein Silikonabbild seiner selbst überstreifen. (bsc)