Abschied von der kleinen GlĂĽhbirne
Bald wird die Diode auch die letzten Kleinglühbirnenreservate erobern, etwa das Innere der Kühlschränke. Dann haben wir eine kalte Zone, in der es endlich auch kalt leuchtet.
- Peter Glaser
Sie ist der Kolibri unter den Leuchtmitteln. Für Kinder war die kleine Glühbirne früher das erste eigene elektrische Ding - in einer Taschenlampe, dem Spiel „Elektro-Kontakt” oder im legendären Lego-Lichtstein. In den Leuchteinsätzen von Modellbahnhöfen machten kleine Glühbirnen aus einem abgedunkelten Zimmer eine fantastische Landschaft. Der erste Spielcomputer „Logikus”, den die Stuttgarter Firma Kosmos 1968 auf den Markt brachte, bestand aus einem Steckfeld, auf dem mit Drähten Schaltungen gestöpselt werden konnten, und zehn kleinen Glühbirnen, um die Ergebnisse anzuzeigen. Die Frequenzskalen an alten Radios waren oft halbdunkel, weil eines der Glühbirnchen dahinter ausgefallen war. Mädchen hatten kleine Glühbirnen in den Lampen von Puppenhäusern.
Sie hat uns geschienen von Klein auf und hat uns begleitet, in Fahrradlampen, Tachobeleuchtungen und dem schönen türkisen Licht der Leuchtgloben. War die kleine Glühbirne in einem Globus durchgebrannt, mußte man die Erdachse an einem der Pole aushebeln, das kaputte Birnchen heraus- und ein neues hineinfrickeln. Aber was tut man nicht alles für eine leuchtende Welt. Jetzt gibt es LED-Leuchtgloben, und immer öfter strahlt bereits anstelle der vorgeschriebenen 2,4-Watt-Glühbirnchen aus Fahrradscheinwerfern das scharfweiße Licht von Leuchtdioden. Bald wird die Diode auch die letzten Kleinglühbirnenreservate erobern, etwa das Innere der Kühlschränke. Dann haben wir eine kalte Zone, in der es endlich auch kalt leuchtet.
Es ist eine Schärfe, die mit den neuen Leuchtmitteln in die Dunkelheit schneidet, anders als das weiche, gelbe Übergangsleuchten der kleinen Glühbirne. Es ist eine Art nichtkriegerischer Form des Lichtschwerts. Es zerteilt die klare Schwärze der Nacht mit einem klaren, weißen, stechenden Licht, das sich in den achtziger Jahren mit dem Aufkommen von Halogenlampen für die Wohnung ankündigte. Zuvor war die Begrifflichkeit für Autos reserviert gewesen, „Halogenscheinwerfer“ erzeugten den lebenswichtigen Lichtvortrieb, während Fahrzeuge sich ihren Weg durch die Nacht tunnelten.
Was mich, nebenbei, an ein Spiel erinnert, das ich in den sechziger Jahren bei nächtlichen Autofahrten mit meinen Eltern gern gespielt habe: gelbe Halogenscheinwerfer zählen. Ich starrte in die weiße Scheinwerferkavalkade auf der Gegenfahrbahn, mein Vater versuchte es mir zu verbieten, es sei schlecht für die Augen, aber ich wartete, wann endlich wieder ein gelbes Scheinwerferpaar vorbeileuchten würde. Die gelben waren Seltenheiten, und kleine Jungs lieben Seltenheiten wie etwa die Blaue Mauritius oder vierblättrigen Klee, und nur eine französische Automarke hatte diese plastikgelb strahlenden Scheinwerfer. Und irgendwann sah man dann zum ersten Mal unter einem abgenommenen Scheinwerferglas, dass der tellergroße Autoscheinwerfer keine ebensogroße Lampe war, sondern vor allem ein Reflektor, in dessen Mitte eine erwachsene Form der kleinen Glühbirne saß. (wst)