TU München entwickelt automatische Fußballanalyse

Mit dem Computersystem "Caesar" will ein Team von Wissenschaftlern Trainern und Sportjournalisten die Arbeit erleichtern.

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Dass Brasiliens Stürmerstar Ronaldo zu Beginn der Fußball-WM 2006 in einem Aktionsradius vergleichbar dem einer Regentonne agierte und der französische Mittelfeldregisseur Zinedine Zidane nach seiner Zwangspause in der Vorrunde eine fulminante Renaissance erlebte, das mögen auch ungeschulte Fußballbeobachter festgestellt haben. Ein an der TU München neu entwickeltes Computersystem will nun aber komplexere Analysen des populärsten Ballspiels ermöglichen und damit Trainern wie Sportjournalisten die Arbeit erleichtern. Mit "Caesar" (Camera enabled sport game analysis and presentation) soll es möglich sein, bereits während eines Spiels dessen Verlauf zu analysieren, die Taktik zu bewerten und Spielerprofile zu erstellen, geht aus einer Mitteilung des Lehrstuhls für Bildverstehen und wissensbasierte Systeme hervor.

Die Positionsbestimmung der Spieler und des Schiedsrichters geschehe zu jedem Zeitpunkt des Spiels mit Hilfe der von den Fernsehkameras gelieferten Bilder, die der Computer digitalisiert. Caesar errechnet die Position der Kamera, die Richtung und den Zoomfaktor, um in einem imaginären 3D-Koordinatensystem die exakte Position der einzelnen Beteiligten auf dem Spielfeld zu bestimmen, erklären die Wissenschaftler. Während des Robocup-Wettbewerbs im Juni in Bremen hätten die Münchner Wissenschaftler anhand der Begegnung Argentinien gegen Serbien-Montenegro demonstriert, dass die Positionsbestimmung trotz Problemen durch enge Bildausschnitte und Schnittführung in den herkömmlichen Fernsehbildern möglich sei, erläutert Projektleiter Professor Michael Beetz.

Nach der Positionsbestimmung geht Caesar in die taktische Analyse über und versucht zu beantworten, wie offensiv ein Spieler ist, wie häufig er den Ball besitzt und in welchem Spielfeldbereich er vor allem aktiv ist. Durch Langzeitanalysen könnten auch Aktivitätsmuster erstellt werden. Neben der taktischen Analyse regt der Informatikprofessor Bernd Radig auch andere Verwertungsmöglichkeiten an: "Bislang fallen bei der Übertragung von Fußballspielen auf ein Handy enorme Datenmengen an. Würden nur die Positionsdaten der Spieler und des Balls ins Netz eingespeist, wäre die Bandbreite erheblich reduziert. Im mobilen Endgerät könnten die Daten dann visualisiert werden und der Fußballfan würde kaum einen Unterschied zum Fernsehbild feststellen."

Bislang sei Caesar nur auf Fußballspiele geeicht, heißt es an der TU München. Nach Entwicklung entsprechender Module sei das System jedoch ebenso auch für die Auswertung der meisten anderen Feldsportarten wie beispielsweise Handball, Eishockey oder Tennis geeignet. Die schlechte Torquote bei der jetzigen Fußball-WM führen einige Experten allerdings gerade auf den Umstand zurück, dass sich die teilnehmenden Teams ausgiebig gegenseitig auskundschaften und entsprechende Taktiken entwickeln. Vielleicht finden die Trainer aber anhand neuer Computersysteme ja auch neue Wege ins Tor. (anw)