Die Hyperkatze
Das Internet ist das Beste, was Katzen jemals passieren konnte. Auch fĂĽr Menschen ist es nicht nur von Nachteil.
- Peter Glaser
Das Internet ist das Beste, was Katzen jemals passieren konnte. Auch fĂĽr Menschen ist es nicht nur von Nachteil.
In der Zeit vor den Suchmaschinen Anfang der neunziger Jahre fanden WWW-Pfadfinder mit Hilfe von Listen durchs Netz, auf denen freundliche Surfer ihre Lieblingslinks versammelt hatten. Eine dieser Listen hieß "Interesting Devices Connected To The Net", und eines der darauf verzeichneten Online-Geräte hieß "Talk To My Cat". Es war eine der ersten Webcams, durch die man auf ein Sofa blicken konnte, auf dem sich gelegentlich eine schwarze Katze niederließ. Man konnte dann einen Satz eingeben, den ein Sprachsynthi der Katze zu Ohren brachte (oder man konnte sämtliche Sätze nachlesen, die Menschen aus aller Herren Länder bereits zu der Katze gesagt hatten).
Neben der Kamera befand sich //hogwild.hamjudo.com/cgi-bin/wave:ein selbstgebastelter Wink-Apparat, der aus einer schwenkbaren Papphand bestand, die sich gleichfalls online ansteuern ließ. Damit konnte man der Katze zuwinken und dazu aus verschiedenen Wink-Arten auswählen, von zurückhaltend ("royal") bis heftig. Jeder, der damals wusste, wo man eine Tüte Internet kriegen kann, kannte "Talk To My Cat".
Manche sagen, dass nichts den menschlichen Erfindergeist mehr anregt als die Produktion von Unsinn. Was Katzen betrifft, gehen die dafür aufgewendete Zeit und Aufmerksamkeit aber längst weit über das hinaus, was auf den ersten Blick wie nette, kleine Unterhaltung aussieht. Allein der erste 100-Sekunden-Clip des englischen Grafikers Simon Tofield, in dem sein glubschäugiger Zeichentrickkater "Simon's Cat" vor drei Jahren seinen ersten Auftritt bei YouTube hatte, wurde inzwischen 26,5 Millionen Mal angeklickt. Simon's Cat ist heute ein Internet-Weltstar. Es ist eine Art von Humor, die überall auf der Welt verstanden wird.
Wenn man mitten im Dschungel Indianern mit Curare-Pfeilen begegnet, die nicht so recht wissen, was sie von einem halten sollen und zufällig gerade irgendwo ein Google-Suchschlitz rumliegt, gibt man einfach sowas wie "Simon's Cat – Let Me In!" ein und verbrüdert sich anschließend mit den Waldbewohnern, indem man sich gemeinsam über diese komische Katze schieflacht.
Cat Content ist längst Big Business. Zu den Empfängern der 2007 epedemieartig weitergemailten LOLcats gehörten auch ein Hawaiianer namens Erik Nagakawa und seine Freundin Kari Unebasami. Sie starteten das LOLcat-Blog Icanhascheezburger.com, mit dem nunmehr notorischen "Cheezburger"-Foto als Startbeitrag. Die Zugriffszahlen explodierten, das Blog war von Anfang an in den schwarzen Zahlen. Noch im selben Jahr überredete der US-Jungunternehmer Ben Huh ein paar Investoren dazu, ihm 2,25 Millionen Dollar zu geben, um diese Website zu kaufen, die zwar täglich eine halbe Million Klicks verzeichnete, auf der aber nichts als hochgradig albern beschriftete Katzenfotos zu sehen waren. Heute herrscht Huh über ein "Cheezburger Network" aus mehr als 50 Websites – darunter das ebenfalls sehr erfolgreiche Failblog – und beschäftigt 75 Mitarbeiter. Das LOLcat-Netzwerk generiert etwa 10 Prozent des gesamten Datenverkehrs, den Wordpress-Blogs verursachen. Mit Onlinewerbung und Merchandising macht Huh geschätzte 4 Millionen Dollar Umsatz im Jahr.
Das Internet ist das Beste, was Katzen jemals passieren konnte. Früher waren es Kartons oder Schnürchen, mit denen Katzenmenschen ihre Mitwesen zu beschenken oder zu unterhalten versuchten. Inzwischen überschlagen sie sich förmlich vor Ideen, wie man eine Katze zum Spielen bringen kann, ihre natürliche Neugierde herausfordert oder sie in jenen Zustand ansteckender Zufriedenheit versetzt, der Menschen so sehr fasziniert – um sie dabei zu filmen, zu fotografieren oder zu zeichnen und das Ergebnis umgehend zu den Abermillionen anderen Katzenkulturprodukten ins Netz zu stellen.
Dass einem Katzen in den Sinn kommen, wenn von technologischen Innovationen die Rede ist, hat Albert Einstein gezeigt, als er Fortschritte in der Medientechnologie zu beschreiben versuchte: "Sehen Sie, drahtgebundene Telegraphie ist etwas wie eine sehr, sehr lange Katze. Sie ziehen in New York am Schweif und hören es in Los Angeles miauen. Verstehen Sie? Und Radio funktioniert genauso: Sie senden ihre Signale von hier aus, und dort empfangen Sie sie. Der einzige Unterschied ist, dass da keine Katze ist." (bsc)