Die neue Kurzkultur

Kleine Zeichen eines großen Wandels: SMS und Twitter sind die Inbilder der neuen kulturellen Portionsgrößen. Aus Textpartikeln, Clips und einer Vielfalt weiterer Kurzformen entsteht eine neuartige, feinkörnige Mikrokultur.

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Von
  • Peter Glaser

Kleine Zeichen eines großen Wandels: SMS und Twitter sind die Inbilder der neuen kulturellen Portionsgrößen. Aus Textpartikeln, Clips und einer Vielfalt weiterer Kurzformen entsteht eine neuartige, feinkörnige Mikrokultur.

Mit einer Zunahme um 20 Prozent liegt die SMS-Nutzung in Deutschland laut aktueller Zahlen bei 41,3 Milliarden Stück auf Rekordniveau – pro Sekunde wurden im Schnitt 1.300 Kurzmitteilungen verschickt. Dass diese Methode, kleine Textschnipsel zu kommunizieren, so dermaßen erfolgreich geworden ist, und zwar weltweit, ist eine etwas genauere Betrachtung wert.

In den 90er Jahren haben sich E-Mail und Internet ausgebreitet und Prognostiker gingen davon aus, dass mit zunehmender Rechnerleistung, Übertragungskapazität und fallenden Speicherkosten die verschickten Nachrichten immer multimedialer, aufwändiger und bunter werden. Zugleich verbreitete sich die Mobiltelefonie und Jugendliche erprobten als Vorreiter die interessanten Möglichkeiten des Kurztextens. Von erwachsener Seite wurde das Phänomen erst belächelt und als umständliche E-Mail für Arme abgetan – dreifach belegte Minitasten, ein winziges, einfarbiges Display und nur 160 Zeichen Platz.

Aber weithin unbemerkt war eine vitale, kompakte Kommunikationsform von einem alten Träger, der sich überlebt hatte, auf einen neuen übergewechselt. Zur selben Zeit, als Mobiltelefone und SMS ihren Siegeszug antraten, endete die Ära des Telegramms – aber nur äußerlich. Das, was Telegramme so besonders gemacht hatte – die schnellstmögliche Beförderung einer schriftlichen Nachricht –, ging auf die SMS über. Der Beschränkung auf 160 Zeichen entsprach der aus Kostengründen beim Telegrafieren verwendete und sprichwörtlich gewordene Telegrammstil. Auch Lernaufwand und Hardware-Anforderungen, um E-Mails zu lesen und zu schreiben, waren in der Zeit vor den Smartphones ungleich höher als das bisschen mehr Tippaufwand beim Simsen.

Die SMS ist ein Symbol für den Medienwandel geworden, der immer mehr analoge Kultur- und Kommunikationsträger in digitale umformt. Kulturformen werden zunehmend kleinteiliger, ob Tracks zu Klingeltönen schrumpfen oder lange Filme zu Dreiminutenclips auf YouTube. Und es ist ein großer Irrtum, zu glauben, der Mensch entwickele Technologien, um sich das Leben einfacher zu machen. Technologie macht das Leben interessanter, aber nicht einfacher. Es ist im Gegenteil so, dass mit Hilfe von Technologien die Schwierigkeiten zumeist erst einmal zunehmen – und dass das Absicht ist. Der Mensch mit seinen abermilliarden Synapsen im Kopf fühlt sich, auch wenn er manchmal über Multitasking-Zumutungen klagen mag, im Grunde unterfordert. Er sucht Herausforderungen, die seiner Fähigkeit entsprechen, mit Komplexität umzugehen.

Ein Telefonat zu führen oder eine in der Länge unbeschränkte E-Mail zu schreiben, kann jeder; das ganze in zwei, drei Sätze zu packen, ist schon um einiges schwieriger. Ähnlich beim Chat, wo man seine Individualität reduziert und eine Person weder an Handschrift noch an Stimme, Aussehen oder Mimik zu identifizieren ist. Die Herausforderung besteht darin, aus den in unpersönlicher Schrift über den Bildschirm fließenden Äußerungen das Bild einer Person zusammenzusetzten. Da ich Schriftsteller bin, sind mir die kurzen Formen überhaupt lieb. Sie zwingen zum Dichten. Man lernt, wie man sprachlich die Luft zwischen den Atomen rausnimmt. Mit freundlichem Nachdruck fördern das Netz und die digitalen Kommunikationstechnologien auch hier die Demokratisierung von Kultur. (bsc)