Euro-OSCON: Von der Revolution zu Open Source 2.0
Der Verlag O'Reilly gab als Veranstalter der ersten europäischen Open Source Convention das Motto vor: Die Stimmen der Open-Source-Revolution sind leise geworden, mit 2.0 gilt es, die Früchte der Aufbauarbeit zu ernten.
Mit der ersten Euro-OSCON, der European Open Source Convention, versuchte der Computerbuchverlag O'Reilly in Europa ein Konferenzformat zu etablieren, mit dem er in Amerika sehr erfolgreich ist. 2000 Teilnehmer zählte die OSCON 2005, die in einem großen Konferenzzentrum stattfand, knapp 400 kamen nach Amsterdam zur Premiere für drei Tage ins Luxushotel Krasnapolsky. In dieser noblen Umgebung, mit gepfefferten 1000 Euro Eintrittsgebühr (bei erheblichen Nachlässen für die Open-Source-Community) stellte der Veranstalter auf den Risikokapitalisten ab, der im großen Stil in ein tolles neues Produkt namens Open Source 2.0 investiert. Diese Ausrichtung der Konferenz entsprach ganz der Linie, die der Verlag in einem neuen Reader angestimmt hat: Die Stimmen der Open-Source-Revolution sind leise geworden, mit 2.0 (passend zu Web 2.0, Desktop 2.0) gilt es, die Früchte der Aufbauarbeit zu ernten.
Der Einsatz des Dual Licensing, die Aufteilung in eine kommerzielle und eine freie Lizenz für die Community, war damit das eigentliche Hauptthema der Amsterdamer Veranstaltung, die dafür prompt mit einem prominenten Auftritt von Microsofts Jason Matusow geehrt wurde. Er stellte, wie berichtet, gleich drei neue Microsoft-Lizenzmodelle vor, die Permissive, Community und Reference Licence. Zumindest die weit reichende permissive Lizenz könnte das Herz der quelloffen orientierten Entwickler freuen, doch bleibt abzuwarten, welche Microsoft-Software mit dieser Lizenz ausgestattet wird. Dual Licensing wurde nicht nur in den schicken Firmenvorträgen von MySQL oder Computer Associates gelobt und vom OS-Clown Damian Conway veräppelt. Mit Referaten wie "Business Model for the Future" (PDF-Datei) von Doug Levin, der mit seiner Firma Black Duck über Software-Intellectual-Property in der Open Source Geld verdienen will, sollten neue Open-Source-Firmen lernen, wie sie sich für die Venture-Capital-Geldströme aufhübschen müssen. Der Nachteil: Echte Startups und echte Risikokapitalisten konnten im Krasnapolsky nicht gesichtet werden.
Insgesamt kamen genuin europäische Perspektiven der Open Source auf der ersten europäischen OSCON viel zu kurz, obwohl gerade mit den EU-Vorhaben nach der Agenda von Lissabon viel Geld in öffentlich geförderte Projekte fließen soll, die ebenso öffentlich das Know-how weitergeben sollen. Darauf wies Paul Everitt von Zope Europe hin. Wie vertrackt es in Europa mit Open Source vorangehen kann, zeigte gerade ein Vortrag (PDF-Datei), den Matthew Langham von der Paderborner s & n hielt: Was in Deutschland im Zusammenspiel mit der Entwickler-Community funktioniert, kann in Italien der völlig falsche Ansatz sein.
So gesehen nutzte es wenig, wenn sich der Veranstalter O'Reilly mit dem ersten Gesang der Iliade alle Mühe gab, den Start in Europa zu begründen und dabei ausgerechnet das berühmte "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus" zu einem "Singe den Zorn, o Göttin, des Linus von Torvalds" herunterbrach. Wenn Robert Lefkowitz von der Firma Optaros den Ursprüngen der Patent- und Copyright-Debatte in den Ursprüngen der Wissenskriege der Renaissance verortete, so gab er vielleicht einen ersten Hinweis an O'Reilly, für seine Veranstaltung nicht die üblichen Verdächtigen einfliegen zu lassen, die schon die amerikanische OSCON bestritten. Ein Fingerzeig vielleicht auch der große Beifall für den in London lebenden Kanadier Cory Doctorow, Sprecher der doch so unterschiedlich  auftretenden EFF Europa, der sich gegen das Kopierschutzsystem CPCM beim kommenden Digital-TV aussprach. (Detlef Borchers) / (jk)