Mit Computern in die Zukunft -- Multimedia erobert die Kindergärten
In Deutschland werden immer mehr Kindertagesstätten mit Computern ausgestattet, um auch Kindern, die zu Hause keinen Rechner haben, das Medium zugänglich zu machen.
Rafails Finger kreisen über der Tastatur. Erst ein R, dann ein A -- nacheinander gibt der Fünfjährige die Buchstaben seines Vornamens ein. Denn bevor Rafail am Computer spielen kann, muss er sich anmelden. Dann geht es los: Aus verschiedenen Silben setzt er ein Wort zusammen, so lange, bis ihn auf dem Bildschirm ein Fabelwesen grüßt: "Hallo, ich bin ein Le-pa-fant."
Während beispielsweise in England bereits in vielen Kindergärten Computer stehen, setzt dieser Trend hier zu Lande erst allmählich ein. Auch in Niedersachsen werden immer mehr Kindertagesstätten mit Computern ausgestattet. Die Kita der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sankt Marien in Hannover, in der nachmittags auch Schulkinder betreut werden, ist eine davon. Seit fünf Jahren sind dort Rechner im Einsatz - erst arbeiteten nur Hort-Kinder damit, neuerdings aber auch die Fünf- und Sechsjährigen.
Die Kita im Brennpunktstadtteil Hainholz nimmt seit August vergangenen Jahres an der Bildungsinitiative Schlaumäuse teil. Der Softwarehersteller Microsoft stellt kindgerechte Programme bereit, und Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin begleiten das Projekt, an dem in den Jahren 2003 und 2004 bundesweit jeweils 100 Kitas teilnahmen. "Die Benachteiligung von Kindern, die zu Hause keinen Rechner haben, soll beendet werden", sagt Erzieherin Grit Belitz. "Außerdem möchten wir Vorschulkindern das Medium zugänglich machen."
Der kleine Rafail zum Beispiel hat schon verinnerlicht, wie Maus und Tastatur funktionieren. Zudem lerne er, mit der deutschen Sprache umzugehen, sagt Rafails Erzieherin Belitz. Es gehe allerdings nicht darum, das übliche Spielzeug zu verdrängen: "Der Computer muss ein zusätzliches Medium sein."
Genauso sieht es Achim Schreier. Er ist Geschäftsführer des Vereins n-21, einer Bildungsinitiative des Landes und der Wirtschaft, die sich für den Einsatz neuer Medien in niedersächsischen Schulen stark macht. Schreier ist überzeugt: "Wer sich der Arbeit mit Computern in Schulen verweigert, hat nichts mehr im Bildungsprozess verloren." Nun will n-21 auch Kindergärten mit Computern versorgen -- mindestens weitere 121 niedersächsische Kitas sollen das Schlaumäuse-Programm bekommen. Der Startschuss für die erste dieser Kitas soll auf der Computermesse CeBIT in Hannover fallen. Allerdings müssten die Erzieher in den Kindergärten entsprechend geschult werden, fordert Schreier.
Auch in der Wissenschaft wächst das Interesse am Einsatz von Multimedia im Vorschulbereich. "Früher war ich selbst skeptisch", sagt etwa der Hamburger Medienpädagoge Norbert Neuß. "Aber heute halte ich den Computer für ein sehr lohnendes Medium." Denn Kinder könnten damit selbstständig lernen. Von welchem Alter an Kinder mit Computern arbeiten sollten, hänge von der Entwicklung des einzelnen Kindes ab, sagt Neuß. "Aber schon im Alter von vier Jahren ist der Computer sinnvoll." Und wann wird es so weit sein, dass jede Kita mit Multimedia arbeitet? Neuß ist skeptisch: "Vielleicht in 100 Jahren." (Michael Kieffer, dpa) / (thl)