Das (nächste) Wunderhormon
US-Forscher verkünden, ein neues Abnehm-Hormon gefunden zu haben. Es löst nur wenig Gewichtsschwund aus, aber der Effekt ließe sich wohl durch eine längere Gabe verstärken. Wann hören solche Prognosen, die nicht ausreichend belegt sind, endlich auf?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Im Kampf gegen Übergewicht dachten Wissenschaftler und Unternehmen schon öfter, sie hätten endlich DEN Hebel im komplexen Stoffwechselnetzwerk gefunden, die EINE Molekülsorte, die nur noch gehemmt oder künstlich zugeführt werden muss, um Menschen dauerhaft zum Abnehmen zu verhelfen. Solche Hoffnungen und vollmundigen Versprechen haben sich zwar bisher in schöner Regelmäßigkeit zerschlagen – entweder weil die Wirkung nicht ausreichte oder weil es zu ernsten Nebenwirkungen kam. Doch das bewirkt offenbar immer noch keine gesteigerte Vorsicht. Die Erkenntnis, dass das Herumschrauben an einzelnen Stellschrauben nichts Nennenswertes bewirkt, wenn kein wirklicher Mangel oder Überschuss im Körper herrscht, wird ignoriert – häufig nicht nur von den Wissenschaftlern selbst sondern auch von der Presse. Ich finde das langsam wirklich enttäuschend.
Im jüngsten Beispielfall zeigen sich Forscher um Bruce Spiegelman vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston vom Potential eines neu entdeckten Hormons begeistert, das wie ein Schalter wirke und die Umwandlung von schädlichem weißen Fettgewebe in das gesunde braune anstoße. Braunes Fettgewebe enthält viel weniger Fett und bewirkt im Körper die Produktion von Wärme, seine Bildung bedeutet deshalb sozusagen, dass der Körper Fett verbrennt.
Den Ergebnissen der Forscher zufolge, die sie kürzlich im Fachjournal Nature publizierten, wird die Bildung des Hormons normalerweise durch wiederholte Trainingseinheiten von Ausdauersport angeregt. Bei Laborversuchen mit fettleibigen, im Ansatz bereits zuckerkranken Mäusen sorgte das Verabreichen des Hormons allerdings auch ohne Sport für die heilsame Umwandlung – und darüber hinaus auch dafür, dass die Nager ihren Blutzuckerspiegel besser im Griff hatten, also besser gegen Diabetes geschützt waren, und auch geringfügig(!) an Gewicht verloren. Donnerwetter!
Die Presse spricht bereits von einer potentiellen „Sport-Pille“; auch die Wissenschaftler waren bei der Benennung wenig schüchtern: nach der griechischen Götterbotin Iris heißt das Hormon, das verschiedene Gewebe im Körper beeinflusst, nun Irisin. Gruppenleiter Spiegelman beeilte sich zwar zu sagen, dass Irisin den Besuch im Fitnessstudio nicht werde ersparen können und keinen Muskelaufbau bewirke. Darauf kommt es aber in diesem Fall auch gar nicht an. Er fügte auch hinzu, dass eine längere Einnahme einen größeren Abnehme-Effekt haben könnte. Die Geldgeber scheint er damit überzeugt zu haben, die Geld in zweistelliger Millionenhöhe in das von ihm mitbegründete Start-up-Unternehmen namens Ember Therapeutics gesteckt haben. Dieses ist im Besitz der Exklusivlizenz und soll die Entwicklung eines möglichen Medikaments auf Basis von Irisin entwickeln und bei Menschen testen.
Nun spricht nichts dagegen, wenn Forscher Mut zum Unternehmertum zeigen und die Entwicklung von neuen Medikamenten vorantreiben wollen. Mich macht aber – abgesehen von der Problematik der einzelnen Stellschraube – die Kritik von Professor Harvey Lodish vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) stutzig, den meine US-Kollegin Karen Weintraub über Irisin befragt hat. Die Konzentration von Irisin sei im Blut in der Regel schon so hoch, dass man sehr große Mengen verabreichen müsste, um etwas zu bewirken. Der Mann weiß, wovon er spricht: er hat selbst erfolglos versucht, aus dem von ihm entdeckten Hormon Adiponectin ein Abnehm-Medikament für Übergewichtige zu entwickeln. Obwohl bei ihnen der Adiponectinwert im Blut als zu niedrig und damit das Diabetes-Risiko als erhöht galt, habe die Gabe des Hormons nicht geholfen.
Die Liste der enttäuschenden Einzel-Hoffnungsträger, die zunächst hochgelobt wurden, ließe sich noch weiter fortsetzen. Wie Technology Review schon vor fünf Jahren schrieb , ist es „angesichts der Komplexität des Steuersystems für Energiehaushalt und Gewicht im menschlichen Körper nicht verwunderlich, wie bescheiden die bisherigen Erfolge mit Diät-Pillen und wie groß ihre Nebenwirkungen sind.“ Denn der Körper ist aus evolutionären Gründen bestrebt, große Gewichtsverluste unter allen Umständen zu verhindern. Wenn sie auftreten, kommt deshalb meist der Jojo-Effekt ins Spiel und die verlorenen Pfunde wandern wieder auf die Hüften. Denn der Körper scheint nicht zu unterscheiden, ob es sich um eine echte Hungersnot handelt oder nur um eine vermeintliche, die durch ein Medikament ausgelöst wurde.
Es gibt Hinweise dafür, dass sich hohes Übergewicht nur langsam abbauen lässt, damit der Körper den verstellten Soll-Wert sozusagen peu à peu mit nach unten verschiebt. Ob das durch mehr Sport, eine umgestellte Ernährung oder in krankhaften Fällen durch – wahrscheinlich an mehr als nur einer Front angreifenden – Medikamente bewerkstelligt werden kann, ist noch offen. Und das ist, um das Ganze noch verwirrender zu machen, wahrscheinlich bei jedem anders. Aber gerade deshalb sind vorzeitige Prognosen nicht angebracht. (vsz)