Der Vormarsch des Ăśberall
Bald heißt es: Digital ist überall. Soll man die letzten Funklöcher Europas unter Naturschutz stellen?
- Peter Glaser
Bald heißt es: Digital ist überall. Soll man die letzten Funklöcher Europas unter Naturschutz stellen?
Die Transformation des Onlineseins von etwas, das man per Einwählverbindung frequentiert, hin zu einer Omnipräsenz, mehr noch: zu etwas, das naturnotwendig vorhanden sein muss wie Sauerstoff, ist in vollem Gang. Heute klappt man seinen Rechner auf (der nicht mehr ausgeschaltet wird, sondern stets mit atmender Leuchtdiode auf Standby ist) und ist online. Die eine Fraktion seufzt gequält auf, wenn sie im Zug sitzt und die Verbindung wieder einmal während der Durchquerung der Great Planes zwischen Berlin und Hamburg abbricht und man sich zurückgeworfen sieht auf das blanke bisschen Nahbereich um einen herum, und die ganzen Dateien auf seinem [Bitte ein tragbares Digitalgerät der Wahl einzusetzen] nur noch mit verdorrten, erkalteten Links weitgehend unbenutzbar vorhanden sind. Was demjenigen, dem das Onlinesein zu einem so unvermeidlichen Bedarf geworden ist wie früher die Zigarette, aber vor allem in die Krise stürzt, ist das Gefühl, abgehängt zu sein – "eilig und eine irre Furcht in den Augen: Sind wir auch noch modern? Gehören wir auch noch dazu?", wie Kurt Tucholsky eine Vorahnung dieses süchtigen Lebensgefühls bereits im Jahre 1930 beschrieb.
Dieser Weg aus der Moderne in die Hypermoderne zeigt sich vielen als rascher Wechsel von immer schlankerer, leistungssatterer Gerätschaft, von immer größerer Übertragungskapazität, von wie Fettaugen auf einer Suppe zu einem einzigen Riesenfettauge zusammenwachsenden WLAN-Hotspots. Neben den in die digitale Welt Voraneilenden gibt es aber auch noch eine andere Fraktion, die nicht maschinenstürmerisch dagegen ist, aber gern eine gewisse Maschinenfreiheit bewahrt haben möchte. (Waschechte Maschinenstürmer sind deshalb so selten, weil sowohl Computer als auch das Internet so viel an Komfort und neuen Möglichkeiten mit sich gebracht haben, dass offenbar sogar Virenangst und fortgesetzter Datenmissbrauch sie nicht aufwiegen.) Ich spiele selbst manchmal mit der Frage, ob die Herausgeber der altehrwürdigen "Merian"-Hefte den Sprung auf den neuen, achten Kontinent wagen und die digitale Welt mit einem Sonderheft als neuen Erdteil anerkennen, vor allem aber, ob es noch rechtzeitig eine Merian-Spezialausgabe "Die letzten Funklöcher Europas" geben wird, ehe sie (die Funklöcher) aussterben.
Es sind, sieht man von Leuten wie Osama Bin Laden ab, die sich darin zu verkriechen versuchen, im übrigen Zonen der Ruhe, Besinnungsbereiche, Orte der absoluten analogen Anwesenheit. Der unausgesetzte Datenstrom im Netz hat etwas sehr Großstädtisches, an dessen Vielfalt und Lichterglanz man sich freuen kann. Manchmal aber möchte man hinaus ins Grüne, und wenn man nun aber das Rauschen der Stadt stets mit dabeihat, wird auch dort, wo weithin Raps blüht und ein schmaler Weg am Knick entlangführt und ein Mückenspiel im Nachmittagslicht schwadet, alles virtuell verstädtert und gewissermaßen binärer Beton aufgefahren. Das Ozonloch wird größer, die Funklöcher schrumpfen. Letztes Jahr sandte der britische Bergsteiger Kenton Cool den ersten Tweet und die erste Facebook-Statusmeldung vom Gipfel des Mount Everest. Digital ist überall. (bsc)