Die Russen kommen

Die russische Raumfahrt hat eine Pannenserie. Dabei steht sie vor einer Renaissance: Seit dem Ende der Sowjetunion hatte sie noch nie so viele ambitionierte Projekte am Start wie heute.

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  • Keno Verseck
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Die russische Raumfahrt hat eine Pannenserie. Dabei steht sie vor einer Renaissance: Seit dem Ende der Sowjetunion hatte sie noch nie so viele ambitionierte Projekte am Start wie heute.

Eigentlich müssten die Nerven der russischen Raumfahrtmanager und -ingenieure jetzt blank liegen. Ihre Raketen galten jahrzehntelang zwar als rustikal, aber immerhin zuverlässig. Doch innerhalb eines knappen Jahres ruinierten vier Fehlstarts diesen Ruf: Im Dezember 2010 stürzte eine Rakete mit drei Navigationssatelliten in den Pazifik, im Februar 2011 brachte eine Rakete einen Militärsatelliten in eine falsche Umlaufbahn. Am 18. August gelangte ein wichtiger Kommunikationssatellit in einen zu niedrigen Orbit, und nur sechs Tage später stürzte eine Sojus-Rakete mit einem unbemannten Progress-Transporter, der Versorgungsgüter zur ISS bringen sollte, über der südwestsibirischen Altai-Region ab.

Die ersten drei Schlappen nahmen Russlands westliche Raumfahrtpartner noch mit schweigendem Bedauern hin, nach dem vierten Unfall jedoch klingelten bei ihnen alle Alarmglocken – schließlich müssen nach dem Ende der Space Shuttle alle Besatzungen der Internationalen Raumstation ISS mit ähnlichen Sojus-Raketen ins All fliegen. Beginnt die russische Raumfahrt also gerade jetzt, wo es mehr denn je auf sie ankommt, zu schwächeln? Die anderen an der ISS beteiligten Partner spielten vorsorglich schon einmal ein Szenario durch, bei dem die Raumstation zeitweilig ohne Besatzung um die Erde kreist, ferngesteuert aus Moskau und Houston.

Die Raketenunglücke fallen ausgerechnet in eine Zeit, in der Russlands Raumfahrt eine Renaissance anstrebt. Das Land, das den ersten Satelliten und den ersten Menschen ins All brachte, die erste Raumstation baute und noch viele weitere "Firsts" für sich verbuchen konnte, will wieder an den früheren Glanz anknüpfen. Ministerpräsident Wladimir Putin hat das Thema zur Chefsache gemacht. Nach fast zwei Jahrzehnten drastischer Unterfinanzierung gibt das Riesenreich neuerdings wieder deutlich mehr für Raumfahrt aus; in diesem Jahr sollen es umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro sein. Obwohl nur rund ein Sechstel des NASA-Budgets, ist das für russische Verhältnisse bereits eine Rekordsumme.

Auf der Luft- und Raumfahrtschau MAKS Ende August in Moskau war von Zerknirschtheit ob der Pannenserie jedenfalls wenig zu spüren. Im Gegenteil: Es herrschte allent- halben Aufbruchstimmung. Zweifel wischen die Experten selbstbewusst weg. "Wer glaubt, dass auf unseren Straßen Bären rumlaufen, hat keine Ahnung", posaunt Jewgenij Mikrin, stellvertretender Chefkonstrukteur beim Raumfahrtkonzern RKK Energija. "Unsere Raumfahrttechnik gehört zum Modernsten und Besten der Welt."

In der Tat plant Russland erstmals seit Langem wieder anspruchsvolle Missionen, neue Raumschiffe und Raketen. Gut gelaunte Raumfahrt-Repräsentanten konnten auf der MAKS die jüngsten Errungenschaften der staatlichen russischen Unternehmen präsentieren. Der Kosmonaut Alexander Kaleri etwa posierte für die Kameras im Modell des künftigen russischen Standard-Raumschiffs von Energija. Es soll ab 2015 in Dienst gestellt werden, ist für sechs Raumfahrer ausgelegt und wäre in der Lage, zum Mond, zum Mars und zu den Asteroiden zu fliegen.

"Wir haben zwar noch immer nicht genug Geld, uns fehlen Experten, es gibt zu viel Bürokratie und Probleme mit dem Management", verrät der Planetengeologe Alexander Basilewski vom Moskauer Vernadski-Institut für Geochemie – der 75-Jährige arbeitet seit über vier Jahrzehnten an Raumfahrtmissionen mit. "Aber wir sollten unsere Ambitionen verfolgen und uns nicht von Unfällen abschrecken lassen. Raumfahrt ist eben ein Risikogeschäft. Auch die Amerikaner hatten ja immer wieder Unglücksphasen." Damit spielt er auf die Jahre 1999 bis 2003 an, als die USA unter anderem zwei Mars-Sonden und das Columbia-Shuttle verloren. Ähnlich wie damals bei der NASA steht jetzt auch in Russland der gesamte Raumfahrtsektor auf dem Prüfstand. Fortan wird eine spezielle Kontrolleinheit der Raumfahrtagentur Roskosmos die gesamte Trägerraketenindustrie akribisch überwachen. Denn bei den jüngsten Pan-nen waren mit Proton, Rokot und Sojus drei der fünf wichtigsten zivilen Trägerraketen beteiligt.

Ein indirektes Eingeständnis, dass es wohl um mehr geht als nur um eine simple Pechsträhne, kam in Russland bereits Ende April, nach den ersten beiden Fehlstarts. Damals wurde der langjährige Chef von Roskosmos, Anatoli Perminow, entlassen. Ersetzt wurde er durch den 54-jährigen Wladimir Popowkin, den Vize-Verteidigungsminister und ehemaligen Kommandanten der russischen Weltraumstreitkräfte, die unter anderem das Netz der militärischen Kommunikations- und Spionagesatelliten beaufsichtigen. Popowkin schlägt nun ungewohnt offene Töne an: Er verkündet die grundlegende Erneuerung und Verschlankung der russischen Raumfahrt, verspricht mehr nutzenorientierte und kommerzielle Projekte, mehr Geld für wissenschaftliche Forschung und die Zusammenarbeit mit privaten Raumfahrtunternehmen.

Es ist nicht leicht, über all dies mit russischen Raumfahrtexperten ins Gespräch zu kommen. Oft funktionieren noch alte sowjetische Abwehrreflexe. Groß ist auch der Ärger über westliche Klischees, denen zufolge die russische Raumfahrt betagt und museal ist. Wenn Treffen dennoch zustande kommen, werden die wirklichen Schwierigkeiten schnell deutlich.

Zum Beispiel in einem riesigen Gebäude an der Straße der Gewerkschaft weit im Südwesten Moskaus. Der fast 400 Meter lange Plattenbau beherbergt mehrere Einrichtungen der Weltraumforschung, darunter das Astrokosmische Zentrum des Lebedjew-Institutes für Physik. Im 7. Stock, Raum 720, sitzen die Physiker Juri Kowaljow, 65, und Waleri Wassilkow, 70, in einem engen Büro, vollgestopft mit uralten und neuen Computern, ausgemusterten Apparaten und modernen Messinstrumenten sowie Schränken voller Papiere und Magnetbänder. Kowaljow zählt zu den "Jüngeren am Institut", wie er anmerkt, die meisten sind über 70, manche über 80, es gibt kaum Personal der Altersklasse 30 bis 55. "Heutzutage verdienen Mobiltelefonverkäufer in Russland eben mehr als Astrophysiker", sagt Kowaljow und lacht. Niemals würde er seinen 700-Euro-Job gegen einen besser bezahlten eintauschen.

Er und sein Kollege haben mehr als ein Vierteljahrhundert an einer spektakulären radioastronomischen Forschungsmission mitgetüftelt. Nach vielen Rückschlägen ist es jetzt so weit: Mitte Juli brachte eine russische Zenit-Rakete das Weltraumteleskop "Spekt-R-RadioAstron" ins All – eines der leistungsfähigsten Radioteleskope überhaupt. Es fliegt in einem komplizierten unregelmäßigen Orbit in bis zu 360000 Kilometern Höhe. Zusammen mit irdischen Radioteleskopen bildet es gewissermaßen ein virtuelles Riesenteleskop, das so groß ist wie der Abstand der Teleskope zueinander und folglich ein entsprechend großes Auflösungsvermögen hat. Auf diese Weise sollen exotische Objekte in den fernsten Winkeln des Universums – Radiogalaxien, schwarze Löcher und Quasare, aber auch Ereignisse wie Supernovae und Gammastrahlen-Ausbrüche – in bisher nie erreichter Detailgenauigkeit beobachtet werden können.