Rebellen statt Heilige

Um mehr Jugendliche für Naturwissenschaften und Mathematik zu begeistern, plädiert der britische Autor Michael Brooks dafür, an ihre Aufmüpfigkeit und Risikobereitschaft zu appellieren.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Häufig wird geklagt, Jugendliche interessierten sich zu wenig für Naturwissenschaft und Mathematik, und wenn man ihr Interesse in diesem Alter nicht entfachen könne, sei es vielfach zu spät. So weit, so bekannt. Lösungsvorschläge gibt es viele, unter anderem heißt es, man müsse die Heranwachsenden schon viel früher fesseln und mehr für die frühkindliche Bildung tun. Der britische Autor Michael Brooks, Autor des Buches „Free radicals: The secret anarchy of science“, hat nun im Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ eine weitere interessante Idee dafür vorgestellt, wie sich das ändern ließe.

Kurz gesagt: man müsse den Teenagern zeigen, dass Wissenschaft nicht nur aus glorreichen Entdeckungen besteht, die von brillanten Forschern gemacht werden – sondern die Heranwachsenden mit der weniger attraktiven und oft verschwiegenen Seite der Medaille ködern: dem Kampf gegen Widerstände, Ausgrenzung durch Kollegen – aber auch damit, was viele erfolgreiche Wissenschaftler ausmacht, darunter Risikobereitschaft und eine mehr oder weniger gesunde Skepsis gegenüber Autoritäten. Man dürfe ihnen aber auch nicht verschweigen, dass Forscher keineswegs nur altruistische Helden sind, die nur das Wohl der Menschheit im Auge haben. Auch die Betrugsfälle müssten offen auf den Tisch, unschöne Hahnenkämpfe und unkollegiales Verhalten zwischen konkurrierenden Gruppen, exotische bis unangenehme Charakterzüge – und gegebenenfalls auch die Tatsache, wenn ein Forscher in der Vergangenheit Drogen wie LSD probiert hat.

Damit will er mitnichten propagieren, dass Jugendliche negativen Eigenschaften nacheifern sollen. Aber mit der vollen, sozusagen zuweilen blutigen Wahrheit ließe sich mehr Motivation und Interesse wecken. Die Erklärung dafür klingt so einfach, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist: Die oft zu heil dargestellte Welt der Wissenschaft sei meilenweit von dem entfernt, was viele Jugendliche etwa im Alter von 10 bis 14 Jahren beschäftigt. In diesem Alter formen sich der Soziologin Louise Archer zufolge Persönlichkeit und Selbstwertgefühl der Heranwachsenden stark. Dazu gehört, dass sie den Aufstand gegen Autoritäten proben und die altbewährte Ordnung der Dinge infrage stellen. Sie probieren Riskantes und Unvernünftiges aus, testen unerlaubte Abkürzungen und überhaupt alles was verboten ist. Ihre Ideale wechseln häufig, sie wollen wissen, welche Spuren sie in der Welt hinterlassen werden. Gleichzeitig kämpfen sie mit Selbstzweifeln und müssen lernen, wie sie mit Fehlschlägen umgehen.

Wie soll das alles Interesse für die Wissenschaft wecken? Brooks argumentiert, dass Jugendliche sich dann stärker für Wissenschaft begeistern, wenn sie sich mit den Forschern identifizieren können. Die wenigsten Karrieren verlaufen problemfrei und Wissenschaftler, deren Entdeckungen buchstäblich die Welt verändert haben, sind Brooks zufolge häufig die Risikobereiten und Rebellischen und Furchtlosen. Was landläufig als Makel gelte, bringe in gesundem Maße in Kombination mit Kreativität und Enthusiasmus bedeutende Früchte. Nun sind Brooks‘ und Archers Sicht vielleicht zu stark verallgemeinernd; und nicht jeder rebellische Wissenschaftler erhält schließlich den Nobel-Preis. Aber die Idee hat etwas Bestechendes.

Das erinnert mich an das Rezept für erfolgreiche Bücher und Filme (und spannende historische Interviews), bei denen wir auch nicht die platten Gutmenschen spannend finden, sondern die komplexen Charaktere mit all ihren Fehler und Spleens, und dem, was auf Englisch mit „what makes them tick“ umschrieben wird: die Triebfedern, also das entscheidende Erlebnis oder die Wendungen im Leben, die jemanden dazu gebracht haben, das zu tun, was er oder sie tut und – vielleicht über vermeintliche Umwege – zum Erfolg zu gelangen. (vsz)