Die Evolution des Fehlerchens
Maschinen-Megalomanie: Es sind erstaunlich kleine Dinge, die GroĂźtechnologien zu Fall bringen.
- Peter Glaser
Maschinen-Megalomanie: Es sind erstaunlich kleine Dinge, die GroĂźtechnologien zu Fall bringen.
Es ist offiziell: Die russische Marssonde Phobos-Grunt – die immer ein wenig an die Daleks aus der britischen Science Fiction-Fernsehserie "Dr. Who" erinnerte – ist aufgrund eines Softwarefehlers im Orbit hängengeblieben und danach abgestürzt. In ihrer Ehre gekränkte russische Raketenbauer hatten zuvor die Möglichkeit ins Spiel gebracht, die Elektronik von Phobos-Grunt könne durch das ungewöhnlich starke Strahlungsfeld einer US-amerikanischen Radarstation in Mitleidenschaft gezogen worden sein.
Ein dem Vizepremier der russischen Föderation Dmitri Rogosin vorgelegter Untersuchungsbericht spricht von einem "Programmfehler, der zu einem gleichzeitigen Neustart zweier Bauteile eines Bordcomputers" geführt hatte. Nachdem die beiden Chips den Geist aufgegeben hatten, stürzte die Steuersoftware des Bordrechners ab. Letztlich war die Verwendung von nicht-weltraumtauglichen Bauteilen der Grund für den Systemabsturz, der schließlich zum Verlust der millionenteuren Sonde führte.
Erst vor kurzem war mir, in einem anderen Zusammenhang, wieder der Totalverlust der ersten interplanetarischen Sonde Mariner I im Jahr 1962 in den Sinn gekommen. Eine Untersuchung der NASA hatte damals ergeben, dass ein fehlender Querstrich im Steuercode das Fiasko verursacht hatte. (Aus dem Geschehnis ist inzwischen übrigens variantenreiche Computerfolklore geworden. Manchmal heißt es jetzt, im Code habe "ein Punkt anstelle eines Kommas gestanden". Aus der Venussonde wurde "eine Rakete zum Mars". Und die "Illustrierte Enzyklopädie der Raumfahrttechnik" lässt "Mariner 8 während des Starts verlustig" gehen. Wenn Fehler poetische Qualität annehmen, richten sie zumindest keinen Schaden mehr an.)
Es sind also erstaunlich kleine Dinge, die Großtechnologien zu Fall bringen. In einem überkomplexen Gebilde wie einer Rakete scheinen sie nicht unter Kontrolle gebracht werden zu können – und sich zu wiederholen. So konnten Millionen Menschen im Juni 1996 am Bildschirm mitverfolgen, wie die nagelneue europäische Trägerrakete Ariane III explodierte. In der Funken-Trauerweide über dem Raumfahrtzentrum Kourou zerstob über eine Milliarde Mark an Steuergeldern; weder die Rakete noch die vier Satelliten an Bord waren versichert. Ein Programmierfehler hatte die Steuerdüsen veranlasst, bis zum Anschlag zur Seite zu kippen. Der verantwortliche Sicherheitsingenieur löste daraufhin die Selbstzerstörung aus.
Im selben Jahr sagte der Hamburger Informatikprofessor Rüdiger Valk: "Wie in der Anfangszeit der Chemie-, Atom- und Autoindustrie werden heute bei den Computern die Risiken noch völlig unterschätzt." Er verglich Software mit den "gewagten und zum Teil beim Bau wiederholt eingestürzten Konstruktionen gotischer Kathedralen, deren Statik und Stabilität nicht vorausberechnet werden konnten".
Fliegen die Space-Kathedralen nun besser oder sicherer? Sieht nicht so aus. Es ist ein Phänomen, das mit dem Schmetterlingseffekt verwandt zu sein scheint. Man kann es den Dichtungsring-Effekt nennen. Während sich beim Schmetterlingseffekt eine winzige Ursache aufschaukelt, bis sie schließlich ein gewaltiges chaotisches System bildet, einen Orkan, ist der Dichtungsring-Effekt wenig dynamisch: Ein – fast – vernachlässigbar kleines Teil einer hochkomplexen Ingenieurleistung geht kaputt oder verloren, mit der Folge, dass das ganze System untergeht. Das verhängnisvolle Musterbeispiel, der namensgebende Dichtungsring am Triebwerk der Raumfähre Challenger, führte zur Explosion der Maschine, dem Tod der sieben Astronauten und mittelfristig zum Niedergang des amerikanischen Space-Shuttle-Programms.
Es gibt zudem eine neuzeitliche, lautlose Zerstörungskraft. Aus allen Zeiten waren wir gewohnt, dass Vernichtung (sieht man vom Giftmord ab) mit Geräusch verbunden war. Mit der Einführung der Computer gingen die Zerstörungslaufzeiten als auch der Verheerungslärm auf nahe Null zurück. Die fehlende Dramatik bei einem Computerabsturz oder bei digitaler Zerstörung entwertet und entwürdigt das Zerstörte. Das Annihilieren tausender Seiten Text oder eben ganzer Raketen ist nicht mehr wahrnehmbar und geht meist in einem Augenblick vonstatten. Es ziept vielleicht noch einmal ganz sacht in einem Gehäuse, im völligen Unverhältnis zu dem vernichteten Ausmaß an Welt. Wie können wir uns wieder zu einer lauteren Gesellschaft entwickeln, die ihre Computer bezähmt und tatsächlich nützlich macht, wie es unsere Vorfahren mit ein paar wilden Tieren gemacht haben? (bsc)