Hilfe fĂĽr die Helfer
Die Feuerwehr verlässt sich bei ihren Einsätzen vor allem auf Ausbildung und Erfahrung ihrer Löschtrupps. Forscher haben das begriffen und entwickeln Technologien, die menschliche Kompetenz unterstützen anstatt sie zu ersetzen.
- Boris Hänßler
Die Feuerwehr verlässt sich bei ihren Einsätzen vor allem auf Ausbildung und Erfahrung ihrer Löschtrupps. Forscher haben das begriffen und entwickeln Technologien, die menschliche Kompetenz unterstützen anstatt sie zu ersetzen.
Am Mittwoch, 6. März 1996, wurde die Berufsfeuerwehr der Stadt Köln um 13.42 Uhr in den Stadtteil Zollstock gerufen. Im Keller eines 25-stöckigen Hochhauses mit 220 Wohnungen waren Gegenstände in Brand geraten. Der Keller und die darüberliegenden Geschosse waren bereits mit Rauch gefüllt. Die Bewohner konnten sich größtenteils selbst in Sicherheit bringen, etwa 50 Wohnungen mussten aber einzeln kontrolliert werden. Die Feuerwehrleute führten eine blinde Frau ins Freie, ein einjähriges Kind und eine ältere Dame kamen mit leichter Rauchvergiftung ins Krankenhaus.
Im Keller spielten sich indes dramatische Szenen ab: Rund eine halbe Stunde nach Einsatzbeginn wollte sich der Angriffstrupp – das Feuerwehrteam, das zuerst in ein Gebäude geht – zurückziehen. Doch einer der Beamten blieb hängen: Seine Sicherheitsleine, mit der zum Beispiel Verletzte abgeseilt werden können, fiel zu Boden, entrollte sich und verfing sich in den Windungen einer Schlauchreserve. Sein Teampartner konnte das Seil nicht durchtrennen, weil er seine Axt als Türkeil eingesetzt hatte und nicht wiederfand, auch ein Messer war nicht zur Hand. Als ein Rettungstrupp zu Hilfe eilte, war der Rauch so dicht, dass kaum noch etwas zu sehen war. Der Hängengebliebene konnte nur noch bewusstlos geborgen werden. Er starb wenig später im Krankenhaus.
Der Einsatz ist 15 Jahre her, und noch immer nagt er an den damaligen Kollegen des Verunglückten. Seither hat die Feuerwehr immer wieder nach Technologien Ausschau gehalten, die in einer solchen Situation helfen könnten – überzeugende Ansätze gab es bislang aber nicht. "Ich bin vorsichtig, wenn in dieser Richtung etwas erforscht wird", gesteht Volker Ruster, Leiter der "Analytischen Task Force" der Kölner Feuerwehr. "Meistens kommen Produkte heraus, die eher akademisch als praktisch anwendbar sind."
Er war auch skeptisch, als Forscher vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) in St. Augustin sowie von der Universität Siegen auf ihn zukamen und eine Zusammenarbeit vorschlugen. Sie wollten ein System entwickeln, das in stark verrauchten Gebäuden Orientierung bietet. Ihr Konzept überzeugte schließlich auch Ruster – es sollte die Feuerwehrleute nämlich eng mit einbeziehen und die Einsatzroutine nicht stören.
Die Entstehungsgeschichte des Projekts berührt ein grundlegendes Problem zwischen Feuerwehr und IT. "In den letzten 150 Jahren hat sich eine Einsatzstrategie etabliert, die den Beamten große Sicherheit gibt", sagt Berthold Penkert, Stellvertretender Leiter des Instituts der Feuerwehr in Münster, einer der modernsten Ausbildungsstätten in Europa. Und die komme ohne komplizierte Technik aus. Die Kölner Feuerwehrleute etwa nutzen Funkgeräte – und das war es weitgehend an Elektronik.
Dabei ist gerade eine funktionierende Kommunikation zwischen den Einsatzkräften vor Ort und der Kommandozentrale immens wichtig. Wenn es brennt, schickt die Feuerwehr einen Angriffstrupp in das Gebäude. Dessen Zeitrahmen ist eng gesetzt, da ihm sonst die Luft ausgeht. Die Beamten haben je acht Minuten, um reinzukommen, zu löschen und wieder zurückzukehren, zuzüglich etwas Zeit für unvorhergesehene Schwierigkeiten. Damit müssen sie auskommen. Die Funksprüche werden dabei auf das Wesentliche reduziert: Die Einsatzkräfte melden kontinuierlich besondere Vorkommnisse, den Luftvorrat in ihren Flaschen und ihren Standort nach draußen.
Das Problem dabei: Jeder Funkspruch kostet Zeit. Und: "In Gebäuden mit starken Beton- oder Metallwänden kommen die Funksignale bei der Einsatzleitung draußen oft nicht an", so Penkert. Dann müssen die Feuerwehrleute eine Funkkette bilden: Team 1 funkt an das nachfolgende Team 2 und dieses dann nach draußen. An dem Atemschutzgerät ist zudem ein "Totmannmelder" angebracht. Das Warngerät reagiert auf Bewegungen des Feuerwehrmanns. Bleibt er für etwa 20 Sekunden regungslos, erhält er eine kurze akustische Warnung. Reagiert er darauf nicht, löst der Melder einen optischen und akustischen Alarm aus, und ein Sicherheitstrupp wird losgeschickt.
Es liegt also nahe, ein System einzuführen, das den Aufenthaltsort eines Trupps automatisch nach draußen meldet. Die Forscher arbeiteten zunächst an Minisensoren, die sich alle paar Schritte automatisch vom Anzug lösten und zu Boden fielen.
In Kombination mit dreidimensionalen Gebäudeplänen, die es inzwischen für viele Büro- und Industriegebäude gibt, konnte der Einsatzleiter genau sehen, wo sich seine Kräfte befanden und wo er sie hinschicken konnte. Doch die Idee scheiterte an der Praxis: Erstens gibt es gerade für ältere Gebäude selten einen digitalen Plan, zweitens griff das System zu sehr in die Einsatzroutine ein. "Der Kommandant instruierte die Leute bei den Übungen plötzlich detaillierter als bisher", sagt Sebastian Denef vom FIT. Die Feuerwehrleute vertrauten den Anweisungen, auch wenn sie ihrer Intuition widersprachen.
Ein 3D-Gebäudeplan zeigt beispielsweise nicht an, wo gerade eine Wand eingebrochen ist oder wo sich das Feuer ausbreitet. Die Einsatzkräfte reagierten weniger flexibel. Im Alltag wäre das System ein Sicherheitsrisiko. Diese Erkenntnisse führten schließlich zu sogenannten Landmarken. Dabei handelt es sich um kleine, keilförmige Geräte, mit denen die Feuerwehrleute das brennende Gebäude eigenständig markieren können. Die Einsatzstrategie bleibt davon weitgehend unberührt. Zur Orientierung nutzen die Kölner Feuerwehrleute bislang ein bewährtes Vorgehen: Sie halten sich in unbekannten Umgebungen immer rechts. Mit diesem Trick findet man auch aus einem Labyrinth heraus. Beim Einsatz markieren die Beamten die untersuchten Räume mit Kreide an der Tür und nutzen den Schlauch, um den Rückweg zu finden.
Diese beiden Funktionen könnten künftig die Landmarken übernehmen. Jeder Beamte nimmt fünf Landmarken mit. Sie leuchten in unterschiedlichen Farben: Grün steht für durchsuchte Räume, gelb für teilweise durchsuchte, blau ist eine Wegmarkierung. Jede Landmarke hat eine Nummer: Die erste Ziffer steht für das Team, die zweite identifiziert die jeweilige Markierung. Die Feuerwehrleute bekommen eine Fernsteuerung mit einem kleinen Display, auf der sie alle Landmarken sehen und durch Tastendruck einfach aktivieren können. Die sendet dann Leuchtzeichen, einen Ton und ein Funksignal aus. Am Helm ist eine Antenne angebracht, in der Helmmaske befinden sich acht kleine LED-Lampen. Je mehr leuchten, desto stärker das Funksignal. Bewegt sich der Feuerwehrmann um die eigene Achse, ändert sich die Anzeige – so kann er die Landmarke auch im dicksten Rauch ausfindig machen. Sicherheitstrupps können die Signale nutzen, um der Spur ihrer Kollegen genau zu folgen. Dank der Landmarken wissen nachrückende Trupps auch, welche Räume schon abgesucht wurden. Im Konzept der Forscher ist zudem vorgesehen, auch die Feuerwehrleute selbst mit Sender und eigener Nummer zu versehen – im Prototyp funktioniert das allerdings noch nicht.