Simon Bode: Immer nah dran
Ob als Notarzt im Einsatz oder als Fotograf in Asien: Simon Bode ist nah dran an den Menschen. Seine Portraits erzählen von dem besonderen Augenblick, wenn Fotograf und Fotografierter in Beziehung treten.
- Dr. Thomas Hafen
Viele Ärzte fotografieren, allerdings meist kariöse Backenzähne oder verdächtige Hautveränderungen. Für Simon Bode, HNO-Spezialist, Chirurg und Notarzt, ist der Umgang mit der Kamera jedoch weder medizinisches Hilfsmittel noch Zeitvertreib: "Ich sehe die Fotografie nicht als Ausgleich, sondern als ein anderes Betätigungsfeld. Es ist kein Hobby, sondern eine Passion, wenn man das Leiden aus dem Wort Passion herausnimmt."
Beruf und Passion ergänzen sich, meint Bode: "Für meine Fotografie ist die Interaktion mit dem Fotografierten extrem wichtig. Da darf man keine Angst vor den Menschen haben und die habe ich als Arzt eben nicht." Bode geht nah ran an seine Motive – ganz im Sinne von Robert Capa , der einmal sagte: "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht dicht genug dran." Bode fotografiert mit einem 35 Millimeter. Um schnell einen Kontakt zu den Menschen zu finden, bevorzugt Bode die Messsucherkamera: "Da befindet sich höchstens ein Siebtel des Gesichts hinter der Kamera, der Rest ist bereit zur Interaktion mit dem anderen." Wer sich wie ein Paparazzi hinter einer Spiegelreflexkamera mit dickem Teleobjektiv verstecke, erzeuge dagegen eher Angst: "Das ist letztlich auch eine Bewaffnung."
Sein Hauptberuf als Arzt erleichtert aber nicht nur die Interaktion mit Menschen, sie trainiert auch die richtige Reaktion in Sekundenbruchteilen. "Es ist für mich sehr wichtig, dass ich die Situation, den Menschen rasch erfasse und dann das richtige Foto zum richtigen Zeitpunkt mache. Der nächste Moment ist ja schon wieder ganz anders." Deshalb gilt seine Bewunderung Fotografen wie dem bereits erwähnten Robert Capa, die in Krisengebieten und Kriegen fotografieren: "Diese Fotografen leisten unter den widrigsten Bedingungen exzellente Arbeit." Was das bedeutet, kann Bode aus eigener Erfahrung nachempfinden: "Das ist wie im Notarzt-Dienst. Man ist nachts um drei auf der Autobahn, zieht Patienten aus Wracks und muss seinen Job gut machen, egal wie die Umstände sind."
Bode will kein Weltverbesserer sein
Und noch etwas schätzt Bode an den Kriegsreportern: "Sie befriedigen meine Neugierde, weil sie aus Ländern wie dem Iran oder Afghanistan berichten, wo ich nie hinfahren würde." Dabei ist Bode alles andere als ein Stubenhocker, das Fremde fasziniert ihn zu sehr. Vor allem in Asien findet er seine Motive: "Die Menschen dort haben eine unglaubliche Affinität zur Fotografie, es ist viel leichter mit ihnen zu interagieren. Deshalb macht das Fotografieren in solchen Ländern viel Spaß."
Spaß bei der Fotografie zu haben, heißt aber noch lange nicht, dass Bode nur fröhliche Bilder macht – im Gegenteil: Die Serie "Heartbreaker" auf der Homepage des Fotografen portraitiert Obdachlose, Bettler, Kinder in Slums, in "Orang Asli" zeigt er Bilder der Batek, Ureinwohner Malaysias, die kurz vor der Ausrottung stehen. Als Menschenrechts-Aktivisten oder Weltverbesserer sieht sich Bode jedoch nicht: "Das ist eine Dokumentation, ich habe subjektiv und selektiv einen Augenblick festgehalten. Was der Betrachter sieht und was er daraus macht, ist ihm überlassen."
Ebenfalls subjektiv und selektiv sind seine Bilder religiöser Feste und Riten. "Meine Triebfeder ist auch bei diesen Bildern die Neugierde und der Wunsch zu dokumentieren", sagt Bode. Bei seiner Arbeit in Vārānasi und an anderen indischen Kultstätten hat ihn besonders der Umgang mit alten Menschen und dem Tod fasziniert: "Diese Vermischung von allem ist so völlig anders, bei uns werden Alter und Tod meist tabuisiert und ausgegrenzt."
Nur auf den ersten Blick völlig anders sind dagegen Bodes Portraits von Schauspielern, Musikern und Models. Was wie Auftragsarbeit für Sedcards wirkt, entspringt in Wirklichkeit demselben Interesse am Menschen und der Lust auf den Zufall: "Ich gehe immer an öffentliche Plätze zum Fotografieren. Wenn es gut läuft kommt es zur Interaktion mit Passanten, woraus sich dann die Situation entwickelt." Die gestellte Situation aufzulösen, der Inszenierung Raum zur Entwicklung zu geben, ist Bodes erklärtes Ziel. Dass viel Technik dabei nur stört, erkennt er immer mehr: "Ich fahre technisch immer weiter runter. Je einfacher, desto besser, ist mein Philosophie."
In seiner weiteren Arbeit will Bode seine dokumentarische Fotografie ausweiten, das Spannungsfeld von Wort und Bild ausloten und womöglich mit einem Journalisten zusammen arbeiten, der die Bilder mit seinem Text in Szene setzt. Nur seinen Beruf als Arzt will Bode keinesfalls zum Thema seiner Fotografie machen: "Ich trenne das strikt." Fast ein bisschen schade, findet er selbst: "Es gibt sehr spannende Felder, die man bearbeiten könnte und ich hätte eine gute Eintrittskarte dafür."
Weiterführende Informationen und Bilder:
seen.by
Bilder von Simon Bode auf seen.by
www.simonbode.de
Simon Bode auf Facebook: www.facebook.com/Streiflicht
(ssi)