Apple: Vorne hui, hinten pfui?

Apple baut und verkauft coole Produkte. Aber ist Apple auch eine coole Firma und ein cooler Arbeitgeber? Mitarbeiter des Münchener Apple-Stores würden diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Sie sind frustriert und erschöpft.

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Von
  • Damian Sicking

Apple-Chef Tim Cook

(Bild: Apple)

Lieber Apple-Chef Tim Cook,

die Mitarbeiter des deutschen Apple-Shops in München haben jetzt einen Betriebsrat gegründet. Der erste Betriebsrat von Apple-Angestellten in Deutschland, was die Sache erwähnenswert macht. Die Mitarbeiter im Münchener Apple-Shop sind unzufrieden: mit der Bezahlung (unterhalb des Tariflohns), mit den vielen Überstunden, die zu leisten sie genötigt werden, mit dem Lärmpegel und dem Stress, weil viel zu viele Kunden die Läden bevölkern, die alle etwas von viel zu wenigen Mitarbeitern wollten. Kurz und gut: Den Apple-Mitarbeitern in der Münchener Rosenstraße reicht es, sie haben von den "miesen Arbeitsbedingungen" (manager-magazin) die Nase voll. Ähnliche Vorwürfe gab es ja bereits im vergangenen Jahr in den USA; hier gründeten frustrierte und verärgerte Apple-Mitarbeiter die gewerkschaftsähnliche Organisation "Apple Retail Workers Union“.

Lieber Herr Cook, was ist da los bei Apple? Wir haben noch die Vorwürfe im Ohr, dass Apple die offenkundig katastrophalen Arbeitsbedingungen bei Ihrem Zulieferer Foxconn seit Jahren mehr oder weniger toleriere (was Sie allerdings entschieden zurückweisen), und nun dies. Da fragt man sich dann schon, wie wichtig der Firma Apple, die mit ihren Produkten die Welt ein bisschen besser machen will, das Wohlergehen der eigenen Mitarbeiter und der Beschäftigten in den Partnerbetrieben ist.

Bezahlung, Überstunden, Lärm, Stress – Herr Cook, hallo! Das sind doch wirklich die Basics. Sie brauchen sich um die Frage, wie Sie die Motivation Ihrer Mitarbeiter aufrechterhalten oder steigern können, keine Gedanken zu machen, wenn Sie diese Grundlagen nicht beherrschen. Die banalste, gleichwohl aber auch wichtigste Aufgabe der Führungskraft besteht darin, Demotivation der Mitarbeiter zu verhindern. Und schlechte Bezahlung, ungewollte Überstunden, Lärm und Stress, das sind absolut demotivierende Faktoren. Vermeidung von Demotivation ist die beste Motivation.

Sicher ist Apple kein Einzelfall. Viele Menschen, vor allem diejenigen, die im Einzelhandel arbeiten, klagen über die schlechten Arbeitsbedingungen. Aber im Gegensatz zu vielen Einzelhandelsunternehmen, die von der Hand in den Mund leben und immer am Rande des Existenzminimums herumeiern, verdient sich Apple eine goldene Nase nach der anderen und bejubelt einen Verkaufsrekord nach dem anderen. Und: Mit fast 500 Milliarden Dollar Börsenwert ist Apple inzwischen das teuerste Unternehmen weltweit. Mit anderen Worten: Geld für eine anständige Bezahlung der Mitarbeiter und eine ausreichende Personalstärke ist ausreichend vorhanden. Woran es offenbar fehlt, ist der Wille in der Chefetage, die Angestellten an diesem Erfolg zu beteiligen.

Was viele Mitarbeiter derzeit schmerzlich erfahren, ist folgende Lektion: Nicht jede Firma, die coole Produkte herstellt, ist auch ein cooler Arbeitgeber. Wer das meint, begeht ein schwerwiegenden Denkfehler. Er wird ein Opfer des sogenannten "Halo-Effekts". Darunter versteht man, kurz gesagt, die Übertragung einer positiven oder negativen Eigenschaft auf eine andere, die damit aber nicht das Geringste zu tun haben muss (sehr lesenswert zu diesem Thema das Buch "Der Halo-Effekt. Wie Manager sich täuschen lassen" von Phil Rosenzweig). Aber es gibt eben keinen notwendigen Zusammenhang zwischen der Qualität eines Produkts und, sagen wir mal, der Qualität der Produktionsbedingungen.

Doch viele Menschen, vor allem junge Leute, begehen diesen Denkfehler. Und es ist ja tatsächlich so, dass man im Freundes- und Bekanntenkreis deutlich mehr punkten kann, wenn man sagt, dass man bei Apple arbeitet als beispielsweise bei Müller-Brot („Wow, du arbeitest bei Apple, cool!“).

Trotzdem, lieber Herr Cook, sollten Sie die Dinge nicht sich selbst überlassen. So ein Firmenimage ist ein ziemlich zerbrechliches Gebilde, das ganz schnell in tausend Scherben zerspringen kann.

Beste Grüße!

Damian Sicking

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