Aufklärung über Supervirus – aber bitte nicht sofort
Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist dafür, umstrittene Daten über eine hochansteckende Vogelgrippe-Variante endlich zu veröffentlichen – zumindest irgendwann. Bisher liegen sie aus Angst vor nachahmenden Bioterroristen auf Eis.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich kürzlich in die Debatte eingeschaltet, die um die auf Eis gelegten Veröffentlichungen zweier Vogelgrippeforscher entstanden ist, und sich für die lückenlose Veröffentlichung der heiklen Ergebnisse ausgesprochen. Diese wurden bereits letztes Jahr bei den Fachjournalen Nature und Science zur Veröffentlichung eingereicht, liegen dort aber seit Monaten auf Eis – weil die Redaktionen Bedenken haben, die Daten könnten Bioterroristen eine Bedienungsanleitung für hochinfektiöse und tödliche Viren in die Hand geben.
Nochmal kurz zur Erinnerung: Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam war es in Tierversuchen mit Frettchen gelungen, das Virus vom Typ H5N1 genetisch so zu verändern, dass er anders als bisher auch per Tröpfcheninfektion übertragen werden konnte, also ohne direkten Kontakt der Tiere. Yoshihiro Kawaoka von der Universität Wisconsin schleuste laut der „Zeit“ die genetische Bauanleitung für das Oberflächenprotein H5 in das viel ansteckendere Schweinegrippenvirus H1N1 ein und erzeugte auf diese Weise eine hochansteckende Form der Vogelgrippe.
Noch weiß niemand, ob sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, das wird aus ethischen Gründen natürlich niemals getestet werden. Doch das Immunsystem von Frettchen gilt dem menschlichen Abwehrsystem sehr ähnlich und deshalb sind die Ergebnisse durchaus ernstzunehmen.
Vor knapp fünf Wochen hat mein Kollege Wolfgang Stieler an dieser Stelle schon einmal kurz darüber gebloggt, dass das „National Science Advisory Board for Biosecurity“ (NSABB) die Forscher dazu drängen will, die entscheidenden methodischen Details zur Herstellung der hochansteckenden Virenform zu entfernen. Er sprach sich dafür aus, die Daten vollständig zu veröffentlichen: erstens weil das Unterdrücken von Informationen nicht funktioniere („die wirklich bösen Jungs werden immer Mittel und Wege finden, an die Informationen zu kommen“) und zweitens weil auf diese Weise nur die Forscher und Unternehmen behindert werden, die mit Hilfe der kritischen Informationen an Gegenmitteln arbeiten könnten.
Mit beiden Argumenten hat er meines Erachtens Recht. Es spricht einiges dafür, dass die Vorteile der Veröffentlichung die Nachteile überwiegen und dass die Angst davor, Bioterroristen eine Bauanleitung in die Hand zu geben, nicht ganz stichhaltig ist. Erstens hat Fouchier seine Ergebnisse bereits auf einer Konferenz in Malta vorgestellt, die Katze ist also aus dem Sack. Zweitens wurden „nur“ drei der insgesamt fünf Mutationen künstlich im Labor erzeugt, die zwei letzten und entscheidenden erwarb das Virus offenbar erst, nachdem es auf die Frettchen übertragen worden war – sozusagen in freier Wildbahn also. Es ist daher nicht undenkbar, dass alle fünf Mutationen nacheinander auch in der Natur auftreten. Wenn also eine Kombination von unglückseligen Mutationen bekannt ist, wäre es nicht verwerflich, dieses Wissen nicht zur Erforschung von Abwehrmaßnahmen zu nutzen? Die Chancen auf Erfolg dabei sind aber dann am größten, wenn möglichst viele daran arbeiten.
Drittens würde ich mich sehr wundern, wenn Bioterroristen solche Ergebnisse nicht auch ohne genaue wissenschaftliche Beschreibung hinbekommen – denn ohne Fachkenntnisse und gewisse Sicherheitsvorkehrungen ist der Aufwand, solche Viren zu kultivieren und sie zu verändern, ohne sich dabei selbst anzustecken, schwer denkbar. Es wäre natürlich denkbar, dass solche Viren aus den Hochsicherheitslaboren entwendet werden, in denen mit ihnen gearbeitet wird. Doch dafür gibt es Sicherheitsvorkehrungen, allein die Möglichkeit des Entwendens war ja auch bisher kein Grund, gefährliche Erreger nicht zu erforschen.
Stellt sich noch die Frage: Sollte sich Forschung nicht nur auf das Aufklären des bestehenden Gefahrenpotentials der Erreger beschränken und darauf, Wirkstoffe dagegen zu suchen? Man kann natürlich argumentieren, warum überhaupt die Büchse der Pandora öffnen und solche Monster erschaffen, wenn es die Natur noch nicht geschafft hat? Doch das finde ich zu kurz gegriffen: Warum nicht vorbereitet sein, wenn die Kombination der Mutationen auftritt. Es geht nicht um Panikmache, was der Presse schon häufig vorgeworfen wurde. Es geht um das Abwägen von Risiken und ja, auch das Vorausdenken, was passieren könnte. HIV (human immunodefiency virus, zu Deutsch: humanes Immunschwäche-Virus) war auch einmal ein Erreger, der als SIV (simian immunodeficiency virus) nur Affen befiel.
Man könnte also zufrieden sein, mit der Entscheidung der WHO. Nun hat sie allerdings noch ein „aber“ in ihre Forderung nach Veröffentlichung der Daten eingebaut: Das soll nämlich erst dann geschehen, wenn alle Fragen zur Sicherheit der Forschungsarbeiten geklärt sind und die Öffentlichkeit genügend über die potentiellen Gefahren aufgeklärt wurde. Bis dahin sollen die Wissenschaftler ihr selbstauferlegtes Moratorium – ihre Forschung für 60 Tage ruhen zu lassen – weiter verlängern.
Das WHO-Sondergremium will unterdessen weiter darüber beraten, wie die Bevölkerung zu informieren sei und welche Sicherheitsmaßnahmen für die weitere Forschung nötig seien: Sollen etwa die Forscher von nun an unter noch strengeren Sicherheitsvorkehrungen arbeiten und sollen sie die neuerschaffenen Erreger andere Forschern zur Verfügung stellen dürfen oder nicht. Die Förderung nach Transparenz ist zu begrüßen. Doch auf die allzu lange Bank sollte die Veröffentlichung der Daten nicht geschoben werden. (vsz)