Lehrbuch aus dem Web

Auf der Bildungsmesse didacta in Hannover haben 27 Bildungsverlage ihr gemeinsames Projekt einer Schulbuchplattform vorgestellt.

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Von
  • Dorothee Wiegand
Inhaltsverzeichnis

Zum Beginn des Schuljahres 2012/13 will der Verband Bildungsmedien die ersten digitalen Lehrwerke parallel zu den bisherigen Printausgaben anbieten. Es gehe darum, „eine gemeinsame Lösung und nicht 27 Lösungen“ anzubieten, sagt Tilo Knoche, Geschäftsführer beim Klett Verlag. Die Verlage reagieren mit der Initiative auf den schwierigen Markt der digitalen Schulmedien. Martin Hüppe, Geschäftsführer beim Cornelsen Verlag, beschreibt die Situation so: „Die Nachfrage nach digitalen Lösungen wächst, es ist aber immer noch ein verhaltener Sektor.“ Bisher habe man den Lehrern den Nutzen digitaler Medien oft nicht vermitteln können. Das gemeinsame Angebot will die digitalen Bücher durch einheitliche Handhabung attraktiver machen.

Alle digitalen BĂĽcher, die ein SchĂĽler oder ein Lehrer gekauft oder ausgeliehen hat, stehen nebeneinander in einem virtuellen Regal.

Über die Webseite www.digitale-schulbuecher.de sollen Schüler, Eltern und Lehrer das gesamte Angebot an digitalen Lehrbüchern ab dem Herbst erreichen. Wer ein Buch kaufen möchte, wird von hier jedoch weitergeleitet zum Webshop des jeweiligen Verlags. Die genauen Konditionen legt der anbietende Verlag fest, der Verband macht hierzu keine Vorgaben. Technisch sollen sowohl der dauerhafte Erwerb als auch eine zeitlich begrenzte Ausleihe digitaler Bücher möglich sein, ebenso Rabattmodelle beim Kauf von Mengenlizenzen.

Der Anwender erwirbt für ein gewünschtes Buch einen Freischaltcode. Mit diesem Code soll die Nutzung online und offline möglich sein. Die Offline-Version eines digitalen Schulbuchs muss heruntergeladen und lokal eingerichtet werden. Falls dasselbe Buch beispielsweise vormittags in der Schule online genutzt wird und nachmittags daheim am Rechner offline, so sollen Notizen, Zeichnungen und Lesezeichen automatisch zwischen beiden Versionen abgeglichen werden. Um illegale Kopien zu verhindern, sind die digitalen Bücher, selbst wenn sie lokal auf der Festplatte liegen, nur einsehbar, nachdem der Nutzer sich beim Webportal angemeldet hat. Sie sind ähnlich wie bei Amazon oder Apple mit dem Nutzerkonto verknüpft, für das sie gekauft wurden.

Damit die persönlichen Daten von Schülern und Lehrern ausreichend geschützt sind, will der Verband mit dem Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein kooperieren.

Der einfachste Fall eines digitalen Schulbuchs ist nicht viel mehr als eine 1:1-Umsetzung der Printausgabe. Der Verband scheint sich zunächst darauf zu konzentrieren, für ein offenes System zu sorgen. So sollen die Bücher unter Windows und Mac OS X nutzbar sein – Linux-Kompatibilität ist derzeit nicht vorgesehen – und auch auf Tablets mit iOS oder Android als Betriebssystem laufen. Diese Flexibilität hält Martin Hüppe vom Cornelsen Verlag für wichtig: „Das ist ein Grundsatz, dem wir uns verschrieben haben.“ Die bisherige Testphase habe gezeigt, dass an den deutschen Schulen sehr unterschiedliche technische Voraussetzungen gegeben sind, so Tilo Knoche vom Klett Verlag.

Die Buchseiten entsprechen denen der Printausgaben, sie können jedoch von den Verlagen um Multimedia-Inhalte erweitert werden. Der Anwender darf Notizen und Lesezeichen hinzufügen und Textabschnitte markieren.

Inwieweit die Bücher inhaltlich durch Videos, Animationen oder interaktive Elemente aufgepeppt werden, bleibt dagegen den Verlagen überlassen. Klett bewirbt seine ersten digitalen Titel beispielsweise mit dem Slogan „mehr als nur ein eBook“. Für Lehrer entwickelt der Verlag sogenannte digitale Unterrichtsassistenten. Sie enthalten außer den Inhalten der gedruckten Schüler- und Lehrerausgabe eines Schulbuchs zusätzlich einige interaktive Übungen, Audio- und Video-Material sowie Links zu Webseiten. Am PC zu Hause soll das digitale Buch die Lehrer bei der Unterrichtsvorbereitung unterstützen. Sie können Textpassagen farbig markieren oder virtuelle Notizzettel ins Buch kleben. Im Unterricht lassen sich die Doppelseiten des digitalen Lehrbuchs mit einem Beamer an die Wand projizieren oder am Smartboard zeigen. Klebt etwa im Gemeinschaftskunde-Lehrbuch ein Notizzettel mit einem Link auf Webinhalte zu aktuellen tagespolitischen Ereignissen, so soll sich dieser direkt anklicken lassen.

Dass das Ganze aussieht wie die Antwort auf Apples Vorstoß in Richtung Lehrbuchmarkt [1], beschere dem Projekt unerwartet viel Aufmerksamkeit, berichten die Projektverantwortlichen in den Verlagen übereinstimmend. Tatsächlich arbeiten die beteiligten Medienhäuser aber schon seit anderthalb Jahren an der gemeinsamen Lösung. Zum Marktstart sollen „einige hundert“ digitale Lehrwerke fertig sein. Ein sportlicher Plan, denn es gibt noch allerlei Hausaufgaben zu machen: Technisch sind noch längst nicht alle Prototypen fit für Mac OS X, iOS und Android, inhaltlich wird es darum gehen, die digitalen Bücher gegenüber der Printausgabe mit echtem Mehrwert zu versehen und organisatorisch müssen die Verlage ihre Geschäftsmodelle noch präzisieren.

[1] Stephan Ehrmann, Thomas Kaltschmidt, iPad im Ranzen, Apple steigt in den Lehrbuchmarkt ein, c’t 4/12, S. 40 (dwi)