Die Hyperindustrie

Manchen schwindelt vor der digitalen Produktionsgeschwindigkeit, andere sehen darin nur das Symptom eines Ăśbergangs. Und am Rand, wie Strohballen bei einem Formel-1-Rennen: Berge von Papier.

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Von
  • Peter Glaser

Manchen schwindelt vor der digitalen Produktionsgeschwindigkeit, andere sehen darin nur das Symptom eines Ăśbergangs. Und am Rand, wie Strohballen bei einem Formel-1-Rennen: Berge von Papier.

Seine immensen Börsengewinne nach der Schlacht von Waterloo im Jahr 1815 konnte Nathan Mayer Rothschild noch in aller Ruhe machen, denn die dazu nötigen Informationen wurden ihm anstatt auf dem Postweg von Brieftauben überbracht. Das sicherte ihm den nötigen Vorsprung vor der Konkurrenz. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts griffen Geschäftsleute in London und Antwerpen auf Brieftauben zurück, einige Bankhäuser unterhielten sogar eigene "Kurstauben". Heute sieht der Wettbewerb der Informationsmittel, der einem die nötigen Geschwindigkeitsvorteile liefern soll, deutlich anders aus.

Die teuerste Gewerbefläche der Welt ist kein Büro in London, Hongkong oder Tokio. Es ist ein Data Center in Chicago, für das Börsenhändler Mieten von fast 50.000 Dollar pro Quadratmeter bezahlen. Über die hochgerüsteten Rechner läuft der Wertpapierhandel beispielsweise des Chicago Board Options Exchange (CBOE), einer der weltgrößten Options-Börsen mit einem jährlichen Handelsvolumen von über einer Milliarde Kontrakten. Pro Sekunde werden Tausende von Geschäften abgeschlossen, die auf speziellen geschwindigkeitsoptimierten Algorithmen basieren.

Der extrem hohe Mietpreis für diese Immobilie hat mit der unmittelbaren Nähe zu den Computern der Börsenhändler zu tun. In der Kommunikation zwischen Menschen spielen die Laufzeiten der Signale zwischen den verschiedenen Rechnern keine Rolle. Bei dieser neuen Art, Geld zu machen, kann es aber von ausschlaggebender Bedeutung sein, ein paar Meter weniger Kabel zu benötigen und damit den Bruchteil einer Sekunde schneller sein zu können. Bereits 2010 betrug der Anteil dieses Hochfrequenz-Handels über die Hälfte des Umsatzvolumens amerikanischer Aktiengeschäfte. Mancher fühlt sich von einer neuzeitlichen Beschleunigung erfasst, die immer weiter zuzunehmen scheint und sich als eine große Unruhe ins Gemüt und die planende Absicht gräbt.

Mancher fürchtet, dass die Geschwindigkeit, ähnlich wie die Schnittfrequenz von Videoclips, immer weiter zunehmen könnte, bis man schließlich von einem übermächtigen Fahrtwind jählings von seinem Platz an der Front der Moderne fortgerissen würde. Im Aufrauschen der Neuigkeiten entsteht eine Erregung, die zu oszillieren beginnt und die statt Zeit Gleichzeitigkeit erleben möchte, statt Aktion in Parallelhandlungen. Die Frequenz nimmt aber nur bis zu einem bestimmten, kritischen Punkt zu, an dem sich eine neue Struktur ausgeprägt hat, ein neuer Grad an Ordnung, und wieder Ruhe eintritt. Es ist wie mit dem Monitorflimmern, das Augen und Nerven strapaziert. Ab einer bestimmten Beschleunigung respektive Bildwechselfrequenz (über 72 Hertz) verschwindet das Flimmern und das Bild wird still und klar; beschleunigt man weiter, wird das Bild nur noch stiller und klarer.

Vielen erscheint das Netz, als ob man ihnen tausende Zeitschriftenabonnements schenken würde. In der analogen Welt würde es rasch unangenehm, wenn einmal pro Woche der LKW mit der Zeitschriftenlieferung käme und die Zeitschriftenkubikmeter ins Wohnzimmer kippte. Ernüchterung stellte sich ein. Die ganz leicht und meist umsonst aus dem Netz mitgenommenen Informationen kosten das Wertvollste, das wir haben: Zeit. Textfluten fluktuieren heute durch Leitungen und Speicher, die schon aufgrund der schieren Menge nicht mehr gelesen sondern nur noch in Kilo-, Mega- und Gigabyte gewogen werden können. Die Mobilität geschriebener Sprache führt streckenweise zu Kollapssymptomen im Netz ähnlich denen, die wir im Straßenverkehr beobachten.

Revolution, eigentlich die radikalste Form von Geschwindigkeit und Veränderung, ist längst ein Standard in der Werbung geworden. Die Verwendung des Begriffs "Revolution" möchte von sich behaupten, dass von etwas aufregend Neuem die Rede ist. "Es wird Zeit, dass einmal ein Kapitalist die Welt revolutioniert", hieß es 1984 zur Deutschland-Einführung des Apple Macintosh. Daneben gibt es "Revolutionen" im Fahrzeugbau, in der Körperpflege – und so weiter. Revolution steht nicht mehr für gesellschaftliche Veränderung, sondern für Produktinnovationen.

Ebenso wird uns, seit Computer zum Massenprodukt und die Digitaltechnik zur Hyperindustrie geworden ist, eine Revolution in Aussicht gestellt, die mindestens so bedeutend sein soll wie die Erfindung des Buchdrucks. – Erinnert sich noch jemand an das papierlose Büro, das Schluss mit Gutenbergs segensreicher Erfindung machen sollte? Mehr Papier denn je wird bedruckt. Mehr Zeitschriften und Bücher denn je erscheinen. Berge von Papier türmen sich auf unseren Schreibtischen. Und ja, und ein großes, papierloses Etwas ist hinzugekommen – das Online-Universum. (bsc)