Musikalische Spinnenseide
Die schusssichere Weste war gestern. Jetzt wollen Forscher aus reiĂźfester Spinnenseide Hochleistungs-Geigensaiten herstellen.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Die Idee klingt buchstäblich etwas spinnert, aber sie ist nicht ohne Charme: Wie die BBC berichtet, hat der japanische Forscher Shigeyoshi Osaki von der Nara Medical University aus Spinnenseide Geigensaiten hergestellt. Osaki will damit einem vernachlässigten Instrumentenbestandteil zu seinem Recht verhelfen: Denn Musiker achteten bei ihren Instrumenten immer nur auf die Qualität des Klangkörpers und hätten Saiten und Bogen nicht im Blick. Dabei ist nichts ärgerlicher, als eine Saite, die mitten im Konzert reißt. Die Materialwahl klingt einleuchtend: Spinnenseide ist extrem elastisch und reißfest, nicht umsonst ist das Material seit Jahren ein begehrter Forschungsgegenstand.
Der Wissenschaftler vertraute dem Abseilfaden der goldfarbenen Riesenradnetzspinnenart Nephila maculata und verdrillte für jede Saite zunächst bis zu 5000 Einzelfäden miteinander (alle in dieselbe Richtung). Dann wickelte er drei dieser Fadenbündel in die entgegengesetzt Richtung umeinander. Anschließend mussten die Spinnen-Saiten ihre Eignung bei mehreren Profi-Violinisten unter Beweis stellen. Diese lobten laut Osaki das einzigartig weiche und gehaltvolle Timbre des neuen Materials, das ganz neue Formen von Musik ermöglichte.
In Labortests, deren Ergebnisse demnächst im Fachjournal „Physical Review Letters“ erscheinen, offenbarten die Prototypsaiten dann aber doch noch Schwächen. Sie erwiesen sich zwar als widerstandsfähiger als neumodische Nylonsaiten, die mit Aluminium beschichtet sind, rissen aber bei geringerer Spannung als klassische Darm-Saiten. Davon will sich Osaki aber nicht abschrecken lassen. Er träumt bereits von einem – wie das im Werbesprech so schön heißt – hochwertigen Neuprodukt mit Mehrwert. Eines Tages könnten Unterhaltungen im Orchestergraben dann vielleicht so ähnlich ablaufen, wie die Szene bei Harry Potter, in der die Zauberlehrlinge vergleichen, wer noch mit dem ollen Komet fliegt und wer bereits mit dem hippen Nimbus 2000. „Golden Silk“ wäre doch ein hübscher Verkaufsname für das besondere Geigen-Schmankerl. (vsz)