Die Bandbreiten-Kluft
Der Zugriff auf das Internet ist mittlerweile in fast allen Ländern der Welt möglich. Doch es gibt nach wie vor große Infrastrukturunterschiede.
- Mike Orcutt
Der Zugriff auf das Internet ist mittlerweile in fast allen Ländern der Welt möglich. Doch es gibt nach wie vor große Infrastrukturunterschiede.
Die Anzahl der Geräte, die Zugriff auf das Internet haben können, nahm in den letzten Jahren explosionsartig zu. Millionen Menschen, die noch vor kurzem offline lebten, sind mittlerweile im Netz. Doch heißt das auch, dass die digitale Kluft, also die Spaltung in wohlhabende Internet-Nutzer und digitale Habenichtse, grundsätzlich abnimmt?
Leider nicht, hat nun der Kommunikationsprofessor Martin Hilbert von der University of Southern California in einer neuen Studie festgestellt. Zwar haben mittlerweile deutlich mehr Menschen Zugriff auf das Netz – der Unterschied zwischen Arm und Reich nahm hier in den letzten zehn Jahren deutlich ab. Doch die weltweit installierte Kapazität, Daten über das Internet zu senden und zu empfangen, konzentriert sich weiterhin in den reicheren Nationen – und zwar sichtbar.
Der Grund: Die Infrastruktur-Unterschiede sind zu groß. So sorgte beispielsweise die Zerstörung eines einzigen Seekabels vor dem Osten Afrikas Ende Februar dafür, dass es in Kenia und mehreren anderen Ländern der Region zu massiven Einbrüchen bei der Datenrate bis zum Komplettstillstand der Versorgung kam. Der Grund: Es fehlte an Ersatzkapazitäten, weil gleichzeitig auch eine zweite Leitung nicht verfügbar war. In Europa könnte so etwas nicht passieren, weil es deutlich mehr Ausweichstrecken gibt, die die Gesamtbandbreite erhöhen.
Hilbert trug nun zahlreiche Datenquellen zusammen, um zu untersuchen, wie sich die globale Internet-Kapazität mittlerweile verteilt. Dabei entwickelte er ein Vergleichssystem, das die durchschnittliche installierte Bandbreite in Kilobit pro Sekunde pro Einwohner eines Landes errechnete. Bei dieser Zahl werden von der einfachen Modem-Nutzung bis zum Glasfaser-Internet alle Zugangswege zusammengerechnet.
Demnach lag die durchschnittliche Bandbreite pro Kopf im Jahr 2001 im Festnetz in den reicheren Ländern, die Mitglieder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind, bei 32 Kilobit pro Sekunde. Das klingt zwar nach wenig, doch damals startete die Breitband-Revolution gerade erst, DSL-Anschlüsse begannen ihren Siegeszug. Nicht-OECD-Staaten mussten hingegen vor einem Jahrzehnt mit einer kaum nutzbaren Pro-Kopf-Bandbreite von nur 3 Kilobit pro Sekunde auskommen.
Bis 2010 kam es zu einer dramatischen Veränderung. In den OECD-Staaten wuchs die verfügbare Bandbreite auf 3200 Kilobit pro Sekunde pro Bürger an. In den ärmeren Ländern steigerte sich die Datenrate dagegen auf nur 275 Kilobit pro Sekunde pro Kopf. Das entspricht ungefähr der langsamsten verfügbaren Mobilfunkbandbreite (EDGE-Technik), in die man in Deutschland nur dann rutscht, wenn man seinen Inklusiv-Datentraffic bei Telekom und Co. auf seinem Smartphone versurft hat. Als "Breitband" wird diese Rate offiziell nicht bezeichnet. Im Mobilfunknetz verstärkte sich der Bandbreitenunterschied zwischen dem reichen Süden und dem armen Norden ebenfalls stark – von 18 Kilobit pro Sekunde im Jahr 2001 auf 300 Kilobit pro Sekunde im Jahr 2010.
Aus den gewonnenen Daten erstellte Hilbert eine Visualisierung, wie sich die installierte Internet-Kapazität weltweit verteilt. Sie zeigt, dass sich in Ländern wie China und Indien viel mehr Menschen eine schlechtere Infrastruktur teilen müssen. Dagegen helfen nur radikale Ausweitungen der verfügbaren Kapazitäten, meint der Forscher. ()