Digital einkaufen im echten Geschäft
In manchen Läden beraten Tablet-PCs die Kunden. Das muss nicht schlecht sein.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Es klingt zunächst paradox: Da gehen Menschen in einen Laden, beispielsweise die Kosmetik-Abteilung von Macy’s in New York, und lassen sich dann statt von einem echten Verkäufer von einem Tabletcomputer mit Produkttests beraten. Auf den zweiten Blick ist das aber gar nicht so abwegig, denn wenn wir ehrlich sind, ducken sich die meisten von uns beim Anblick eines Verkäufers, der auf uns zusteuert und murmeln schon vorsorglich „Danke, ich schaue erstmal.“ Finden wir das Gesuchte nicht auf Anhieb, sind wir schon wieder draußen.
Offenbar versuchen vor allem US-Unternehmen, die Technikaffinen unter der beratungsunwilligen Kundschaft – die tatsächlich noch Geschäfte aufsuchen und nicht längst alles vom heimischen Laptop aus recherchieren und bestellen – mit iPads und Co. stärker zu binden. Laut New York Times ist das bereits die nächste Stufe des digitalen Shoppens. Man mag beklagen, dass auf diese Weise Arbeitsplätze in Gefahr sind. Ich weiß aber nicht, ob das zwangsläufig so sein muss.
Tatsache ist, dass sich vor allem bei jüngeren Käuferschichten die Kaufgewohnheiten verändern. Sie sind es gewohnt, sich erst einmal selber zu informieren – vom Handy bis zum Autokauf. Einige Unternehmen, offenbar eher große Ketten, stellen sich nun darauf ein. In vielen Fällen werden vermutlich sowieso beide Modelle – Verkäufer und Hilfsgadgets – parallel existieren. Es gibt immer noch genug Kunden, die wiederum dem Internet nicht trauen, und denen die endlosen Testergebnisvergleiche auf die Nerven gehen.
Gadgets und Apps als Lockmittel könnten aber tatsächlich auch eine Chance sein: Bevor ich mich auf die Suche nach einem Verkäufer mache, ob diese-und-jene-Jeans noch im Sortiment ist, könnte ich es mit ein paar Klicks an einem Tablet-Terminal selber herausfinden, in welchem Regal sie liegt. Das geht viel schneller (vermutlich einer der wichtigsten Motivationsfaktoren) und wenn ich sie finde – und vielleicht sogar noch gesagt bekomme, in welchen anderen Farben es sie gibt – steigt die Wahrscheinlichkeit eines Kaufs enorm. (Klingt vielleicht arg konsumgeschädigt, ist aber einfach praktisch gedacht: Hat man eine Jeans gefunden die sitzt, will man das Such-Prozedere nicht so schnell wiederholen.)
Auch beim Kauf von Elektronikgeräten könnten digitale Hilfe nützlich sein, etwa wenn ich ein Gerät doch nochmal anschauen und ausprobieren will, bevor ich es kaufe. Bei vielen Geschäften habe ich im Internet die Möglichkeit bisher vermisst, herausfinden zu können, ob besagtes Produkt auch vorrätig ist. Die Kundenhotline rufe ich dann gar nicht mehr an, auf die Warteschleifenmusik habe ich keine Lust – ebenso wenig wie auf Verdacht vorbeizugehen und dann zu erfahren, dass es nicht da ist. Kritiker sagen, uns geht ein Stück Lebensgefühl verloren, wenn wir so kalkulieren und nicht mehr mit Verkäufern interagieren. Aber wer viele Punkte beim samstäglichen Einkaufen abhaken will, dem geht es so.
Im Übrigen gibt es die Kunden ja noch, die bei vorhandener Zeit und Muße das echte Shoppingfeeling wollen – auch dann, wenn ihnen längst eine App zum Fernbestellen zur Verfügung steht. Kunden der US-Kaufhaus-Kette Nordstrom nutzten eine solche offenbar auch direkt im Geschäft, um durch das Sortiment zu navigieren. Die Zukunft des Shoppens ist also vielleicht einfach nur pfiffiger als bisher – für alle, die es so wollen. (vsz)