Virtuelle Nachbarschaftshilfe durch "Social Networking"-Websites bei Katastrophen

US-Wissenschafler schlagen fĂĽr Katastrophen, von denen viele Menschen betroffen sind, anstatt Notrufnummern kommunale Webseiten vor.

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Von
  • Florian Rötzer

Computerwissenschaftler der University of Maryland schlagen für Katastrophenfälle ein Web-basiertes Modell nach dem Vorbild von "Social Networking"-Angeboten wie MySpace oder Facebook vor. Wenn einzelne Personen Hilfe benötigen, können sie die landesweit einheitliche Notfallnummer anrufen – wenn aber Katastrophen Tausende von Menschen betreffen, reichen die Kapazitäten nicht mehr aus. Man müsse, wie Ben Shneiderman und Jennifer Preece in einem Artikel in der aktuellen Ausgabe von Science schreiben, nicht nur private und staatliche Institutionen koordinieren, sondern auch die Mitarbeit von möglichst vielen Menschen ermöglichen. Auch wenn manche Katastrophen die Kommunikationsinfrastruktur zerstören, so sei das in vielen Fällen wie "bei einer Grippeepidemie, einem Anschlag mit chemischen oder biologischen Waffen oder Temperaturextremen" nicht oder nur teilweise der Fall. Spontan hätten Internetbenutzer bereits bei Katastrophen effektive Netzwerke zur Hilfe und Information aufgebaut.

Dazu müssten kommunale Websites geschaffen werden, die als Community Response Grids (CRG) fungieren und so eine Form der virtuellen Nachbarschaftshilfe eröffnen, die mit Behörden und anderen Organisationen kombiniert wird. Auf solchen Websites sollen die Menschen, die sich an einem bestimmten Ort befinden, von Vorfällen berichten, Informationen zur Krisenbewältigung erhalten und um Nachbarschaftshilfe bitten. Informationen von Überwachungskameras und anderen Sensoren, von Krankenhäusern, Feuerwehren und anderen Hilfsorganisationen könnten auf den Websites weitergegeben und schnell aktualisiert werden, sodass jeder sich gewissermaßen in einem interaktiven "war room" befindet. Voraussetzung müsse sein, dass sich die Bewohner der Gemeinden oder Stadtteile vorher mit Angabe des Wohnsitzes anmelden. Die Wissenschaftler stellen sich vor, dass mit der Hilfe von Programmen eine übergreifende Koordination von Bürgern, Behörden und Hilfsorganisationen geleistet werden könne, sodass Muster erkennbar und darauf zugeschnittene offizielle Berichte integriert werden können. Möglich wäre so auch, dass Informationen räumlich ganz gezielt verbreitet werden können.

Die Wissenschaftler stellen sich offenbar vor, dass solche Nachbarschaftsseiten in Notfällen ähnlich wie Blogs oder andere Websites mit benutzergenerierten Inhalten funktionieren und die Bürger zu Journalisten (citizen reporter) werden, die über die Websites Informationen an übergeordnete Behörden weitergeben, die dann nach Kenntnis der Lage den Einsatz koordinieren und organisieren. Die Menschen in einer Kommune hätten dadurch auch bessere Möglichkeiten und mehr Anreiz, sich gegenseitig zu helfen, meinen die Computerwissenschaftler. Sie hoffen auch darauf, dass die Webseiten für die Katastrophenhilfe auch in den ruhigen Zeiten belebt sind und der nachbarschaftlichen Kommunikation dienen.

Finanziert werden könnten solche Notfallwebsites mitsamt ihren Betreuern durch Gebühren, die die Internetprovider eintreiben. In kleineren Gemeinden könnten sie von geschulten Freiwilligen betrieben werden, ähnlich wie bei der freiwillige Feuerwehr. Man müsse allerdings zunächst noch weiter erforschen, welche Normen und Strategien eine große Beteiligung erzielen, wie man sie etwa bei Wikipedia findet, oder warum viele Online-Gemeinschaften mangels Mitarbeit einschlafen. Man müsse aber auch dafür sorgen, dass die Netzwerke sicherer werden und für die Belastung in Notfällen ausgebaut sind. Vermutlich wäre auch wichtig, sich zu fragen, ob lebendige soziale Netzwerke von oben verordnet werden können. (fr)