Was wirklich wahr war. (Ein entschlüsselter Sommernachtsrätseltraum, Teil 2)
Der zweite Teil des kleinen Sommerrätsels ist zu Ende. Es gab viele richtige Antworten auf die falschen Fragen.
Bis gestern wusste ich nicht, dass ich alle Genies kenne. Aber seit heute weiß ich, dass ich eine geniale Methode kenne, ungenaue Fragen zu stellen. Der zweite Teil des kleinen Sommerrätsels ist zu Ende – und es gab viele richtige Antworten auf die falschen Fragen. Das ist doch auch was, gerade bei einem Thema wie dem Drum und Dran von Betriebssystemen.
In Frage 1 wurde etwas doppeldeutig nach dem Chaos gefragt, welches dereinst in Deutschland herrschte. Die Antwort hätte CAOS als Kassetten-OS einiger Rechner aus Deutschland-Ost und KaOS als Patch für Rechner in Deutschland-West lauten müssen. KaOS 1.2 wurde vom kleinen Verlag in der norddeutschen Tiefebene veröffentlicht, wo man darum diese Einstiegsfrage auch als "viel zu einfach" kritisierte. Wieder was gelernt.
Frage 2 zeigte den "geheimen Desktop" von Bill Gates und war darum ziemlich schnell erraten. Aus einer Comicserie, die die Vorbereitungen zur Hochzeit von Bill Gates und Melinda French auf die Schippe nahm, wurde sogar ein Buch.
Schwierig ist es wieder mit dem Urteil über Frage 3. Der heute als Veto-Spezialist bekannte Jurist John Bolton verteidigte in einer Verhandlung am 19. Januar 1989 eine der damals größten Dateilöschaktionen, durchgeführt von Oliver North, John Poindexter und Colin Powell. Sie versuchten, alle Spuren der E-Mail-Kommunikation im sogenannten Iran-Contra-Skandal zu löschen. Irangate war darum die richtige Antwort, doch das Betriebssytem, das die Massenlöschung von PROFS-Dateien verhinderte, war VM/CMS. Legendär ist Boltons Begründung für ein "clean system": "When the new people come into the White House at noon tomorrow, they need to have access to the system and they need to be able to do whatever they are going to do with it. And it would impair that ability, that is to say the ability of the new president of the United States, on his first day in office, to get his administration up and running." Reagans Nachfolger Bush und seine Mannen versuchten sich übrigens gar nicht erst an der Löschaktion. Sie beschlagnahmten im Januar 1993 5000 Computerbänder und transportierten alle Bänder zur Bush-Ranch nach Texas, wo sie begraben werden sollten.
Frage 4 zeigte eine Anzeige von Locus Computing aus dem Jahre 1987 für ihr Produkt PC-Interface, das mit einem eigens gepatchten DOS gestartet wurde. Der Titel der gesamten Anzeigenkampagne lautete "The joys of peaceful coexistance". 1988 wurde US-Präsident Reagan Schirmherr der Computermesse Comdex.
Frage 5 hatte keine Chance. Das in Russland programmierte PTS-DOS wurde schnell erkannt. Der Autobahn-Käufer war die Firma Quarterdeck Office System, die mit Desqview einen so genannten DOS-Extender im Angebot hatte und mit PTS-DOS im Bündel ein komplettes Betriebssystem vermarkten wollte.
Frage 6 zeigte den Newsletter von SCO, der das Übereinkommen mit Novell feierte. In der Aufzählung im Kasten wird unter Punkt 1 erwähnt, dass SCO die UNIX Source-Code-Rechte, das Produkt UnixWare und die UnixWare-Lizenzrechte erwirbt. Die UNIX-Lizenzrechte fehlen.
Frage 7 ist ein glatter Reinfall, darum sind die Antworten richtig, die QNX nennen. Tatsächlich stimmt es, dass 1999 eine Boot-Diskette von QNX auf den Markt kam, mit der man direkt ins Internet konnte. Ursprünglich war nach FunatixOS gefragt worden, das von Cox Telecom angeboten wurde, eine Version, die auf BSD UNIX 4.4-Lite basierte.
Frage 8 wollte das deutsche Unix namens Eurix als Antwort haben. Thomas Grüter, der mit seiner Firma Comfood Eurix vertrieb, schrieb den Klassiker "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer. Wie Verschwörungstheorien funktionieren".
Frage 9 zeigt, wie schwer es ist, eine nicht dürftige Frage zu stellen. Das Foto zeigt den Byte Opionion Poll am ersten Tag der Frühjahres-Comdex im Jahre 1993. An diesem Tag kündigte Bill Gates offiziell Windows NT an, er konnte aber keine Vorab-Version des Supersystems demonstrieren. Dagegen feierte OS/2 2.0 seinen Start. IBM reagierte, druckte T-Shirts, die an alle Besucher verteilt wurden: "Been There, Done That".
Frage 10 galt einem Desktop-Bild der japanischen Version von Windows 3.1, das einen Hund zeigt, der einen Teddybären zerreißt. "Merde" steht dabei auf einem Kalenderblatt.
Eine nicht triviale Anmerkung zum Schluss. Die Tatsache, dass etwas über den Irrsinn im Libanon im WWWW stand, bedeutet nicht, wie im Forum behauptet, dass ich "für die Palästinenser" bin. So eine reflexhafte Zuschreibung sollte nach diesem Wochenende deutlich genug als Unfug erkennbar sein. Man kann an Israel aus vielen Gründen verzweifeln. (Hal Faber) / (anw)