Richtiges im Falschen
Die Horrorgeschichten über die Zustände bei der iPad-Fertigung haben sich als Ente entpuppt. Doch kann nicht auch die Unwahrheit Gutes bewirken?
- JĂĽrgen Seeger
Zuerst die gute Nachricht: Sie müssen als iPhone-/iPad-/iPod-Benutzer nicht mehr ständig mit Gewissensbissen herumlaufen. Denn die Horrorgeschichten über den chinesischen Fertiger Foxconn, die jüngst einen Sturm der Entrüstung entfachten, sind falsch. Aufgebracht hatte sie Mike Daisey in der populären Rundfunksendung „This American Life“ (siehe „Alle Links“). Er hatte dort erzählt, Foxconn beschäftige 12-Jährige, bei der iPad-Herstellung habe sich ein Mann schwer verletzt und sei seitdem behindert. Und er habe Arbeiter getroffen, die durch das Reinigungsmittel n-Hexan Nervenschädigungen erlitten hätten.
Diese Radioshow, mittlerweile nur noch als Transkript im Web verfügbar, war Auslöser für eine breite, teilweise sehr emotional geführte Debatte über die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung der beliebten Gadgets, mit denen Apple zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aufstieg. Hunderttausende Unterschriften wurden gesammelt, Apples Image der coolen Company mit hippen Produkten bekam hässliche Kratzer.
Bis Rob Schmitz, China-Korrespondent der Wirtschaftsnachrichten-Site Marketplace, der Sache nachging und Daiseys chinesische Übersetzerin auftrieb. Heraus kam, dass Daisey zwar einige Fabriken in China besichtigt hatte und die Arbeitsbedingungen dort alles andere als gut waren. Aber bei den geschilderten Einzelschicksalen handelte es sich nicht um Fakten, sondern um das Ergebnis einer „künstlerischen Verdichtung“ für eine Broadway-Show.
Dass Daiseys Darstellungen in die Abteilung „Fiction“ gehörten, war „This American Life“ abermals eine Sendung wert, die einem einstündigen Tribunal gegen Daisey glich. Journalisten lassen sich eben nicht gern hereinlegen.
Und nun die noch bessere Nachricht: Die durch Daiseys Erzählungen ausgelöste Pressekampagne führte erstmals in Apples Firmengeschichte dazu, dass die Unternehmensführung eine komplette Liste aller Zulieferer bekannt gab und Untersuchungen der Fair Labor Association über die Arbeitsbedingungen dort zustimmte. Dass die auch etliche Missstände wie Wochenarbeitszeiten von 60 Stunden und mehr zutage brachten, dürfte kaum jemanden überraschen. Doch daran will Apple arbeiten und künftig im Monatsrhythmus über die Verbesserungen berichten.
Hatten Märchen nicht schon immer auch eine erzieherische Wirkung?
Alle Links: www.ix.de/ix1204003 (js)