Wiederaufbau in Zeitlupe

Ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe macht sich an der japanischen TrĂĽmmerkĂĽste Verzweiflung breit. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran. Es gibt technische Schwierigkeiten und eine beispiellose Lohninflation.

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Von
  • Martin Kölling

Ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe macht sich an der japanischen TrĂĽmmerkĂĽste Verzweiflung breit. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran. Es gibt technische Schwierigkeiten und eine beispiellose Lohninflation.

Meine jüngste Reise nach Nordost-Japan hat mich ein wenig traurig gestimmt. Die Menschen vor Ort haben mir von wachsender Verzweiflung, zunehmendem Alkoholismus und Selbstmorden erzählt. Denn immer mehr Menschen sorgen sich um ihre Zukunft. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer der Millionenmetropole Sendai, Hiroshi Maniwa, befürchtet gar, dass sich einige Landstriche an der Küste nie wieder von dem Schlag erholen werden. Schon vor der Katastrophe seien die jungen Menschen derart schnell aus den Ortschaften gezogen, dass viele Dörfer und einige Städte eher Altersheimen als energiegeladenen Siedlungen glichen. "Ich habe Angst, dass der Tsunami vielen Regionen einen derart harten Schlag versetzt hat, dass sie sich gar nicht mehr davon erholen werden", sagt er. "Wer soll nun die Städte aufbauen?", fragt Minawa. "Doch nicht die Großmütter und -väter."

Noch schlimmer: Der Aufbau verzögert sich, weil eine Kostenexplosion die Budgets sprengt. Die Gehälter von Bulldozer- und Baggerfahrern haben sich innerhalb weniger Monate auf 400 Euro pro Tag verdoppelt, weil wegen der vielen Bauprojekte extremer Arbeitermangel in der Region herrscht, erzählt der Kammerchef. Dennoch fehlen den Firmen Tausende von Arbeitern. Dazu steigen auch Baumaterialien im Preis. Diese Kosten seien eine der größten Herausforderungen für den Wiederaufbau, sagte mir Futoshi Toba, der Bürgermeister der Stadt Rikuzentakata, einer der am stärksten zerstörten Städte der Region. 80 Prozent der Stadt hat der Tsunami vernichtet. Nach dem Beben hatte die 25.000-Seelen-Gemeinde keine einzige Tankstelle und keinen Laden mehr.

Toba sieht mitgenommen aus, doch hat er nicht aufgegeben. Voriges Jahr hat er gemeinsam mit Wissenschaftler, Beamten, Unternehmern und Bürgern die Vision für eine neue touristen- und altenfreundliche Ökostadt vorgelegt. Der Wiederaufbauplan zeigt, dass der Neubau nach einem Tsunami technisch deutlich schwieriger ist als nach einem Krieg. Nach dem Krieg konnten die Menschen ihre Häuser oft an gleicher Stelle wieder errichten. Doch der Tsunami hat die Landschaft radikal verändert. Der Aufbau von Rikuzentakata gleicht daher einem Stadtneubau auf der grünen Wiese, mit allen Anforderungen an die Planung.

Die Küstenlinie beispielsweise verläuft rund 200 Meter landeinwärts. Ein Großteil der ehemaligen Stadt hat sich um fast einen Meter abgesenkt und gleicht nun eher einem Sumpf als Bauland. Bevor dort neu gebaut werden kann, muss erst einmal eine Art Landgewinnung betrieben werden. Und dann ist da noch die Frage, wo denn die Stadt sicher neugebaut werden kann. Auf den Anhöhen ist nicht genug Platz für all die Menschen. Also bleibt wieder nur die Ebene. Tobas Plan sieht daher vor, dass sie näher an die sichereren Hügel rückt.

Dafür soll kompakter und auf leicht erhöhtem Grund gebaut werden. Davor wird die Hauptstraße auf einen Deich entstehen, als zweite Schutzmauer. Die erste Verteidigungslinie gegen Tsunamis soll in Form eines neuen Küstenwaldes neu entstehen. Zwischen den beiden Wällen ist auf den versalzenen Böden wie an der Küste der Metropole Sendai die Ansiedlung von Industrie und von Hightech-Landwirtschaft geplant. Gemüsezucht im Hochregal sozusagen. Andere Gemeinden wollen die Salzböden mit Solaranlagen überbauen.

Mal sehen, welche Träume Wirklichkeit werden – und vor allem wann. Denn zuerst einmal müssen die Trümmer beseitigt werden. Das allein wird rund drei Jahre in Anspruch nehmen, glaubt Toba. Dabei sieht es in Rikuzentakata schon aufgeräumter aus als in vielen anderen Gemeinden. Ein Grund ist wohl das Ausmaß der Zerstörung. Während im Nachbarort Kesennuma auch in der Tsunami-Region noch die Grundstrukturen vieler Gebäude stehen geblieben sind, hat der Tsunami in Rikuzentakata buchstäblich reinen Tisch gemacht. Außer einigen Betongebäuden gab es nichts mehr. Statt zuerst abreißen zu müssen, konnten die Retter den Müll relativ einfach zu Haufen zusammenschieben.

Inzwischen sind die meisten zerknäulten Autos abtransportiert und die Müllberge sauber sortiert worden – Metall, Stein und Beton, Holz, Autoreifen. Was sich zerkleinern lässt, wird an der Küste direkt in einer improvisierten Mülltrennungsanlage getrennt. Die Überreste der Stadt werden Lkw für Lkw abgefahren. Ein großes Problem bleibt dabei die Entsorgung. Um der Müllmenge Herr zu werden, muss sie über ganz Japan verteilt werden. Aber viele Gemeinden in anderen Landesteilen zögern noch, den Müll anzunehmen, weil sie – so die amtlichen Aussagen – Angst vor Radioaktivität haben.

Da helfen bisher auch keine Zusicherungen der Regierung und sogar unabhängiger Stellen, dass der Müll nördlich der teilweise recht hoch verstrahlten Präfektur Fukushima nicht strahle. Und das ist vielleicht auch eine Lehre aus der Atomkatastrophe: Auf der mentalen Strahlenkarte ist die Krisenregion sehr viel größer als in der Realität. (bsc)