Schwere Zeiten fĂĽr MuPAD
Das Programmpaket für symbolische Mathematik MuPAD wird sich am Markt neu positionieren müssen, wenn im kommenden Jahr die finanzielle Unterstützung durch die Universität Paderborn ausläuft.
Das Programmpaket für symbolische Mathematik MuPAD wird sich am Markt neu positionieren müssen, wenn im kommenden Jahr die finanzielle Unterstützung durch die Universität Paderborn ausläuft. Bis jetzt obliegt die wissenschaftliche Betreuung des Vorzeigeprogramms einer Forschungsgruppe unter der Leitung von Professor Benno Fuchssteiner, der allerdings 2006 emeritiert werden wird. Der Ziehvater von MuPAD ist zugleich der letzte verbliebene Hochschullehrer der zentralen Paderborner Uni-Einrichtung AutoMATH, die mit seinem Weggang aufgelöst werden soll. Damit sind auch die Planstellen einer Handvoll wissenschaftlicher Mitarbeiter gefährdet, die unter anderem für das Bildungsprojekt Intel-Lehren für die Zukunft Lehrerworkshops und Fortbildungen für den Einsatz von MuPAD an Schulen betreuen.
Für eine weitere Finanzierung von AutoMATH kommen keinesfalls zentrale Mittel der Universität Paderborn in Betracht, wie uns deren Kanzler Jürgen Plato erläuterte, sondern allenfalls Gelder aus den Lehr- und Forschungsetats betroffener Lehrstühle. Damit liegt die Entscheidung bei der Fakultät für Elektrotechnik, Informatik und Mathematik. Deren Sprecher Professor Helmut Lenzing erklärte gegenüber Heise Online, man habe immerhin den Wunsch nach einem weiteren Engagement für AutoMATH in die Stellenausschreibung für die Fuchssteiner-Nachfolge aufgenommen; bei den anderen Instituten der Fakultät sei aber eine Beteiligung an der MuPAD-Finanzierung aus wissenschaftlichen Motiven heraus nicht zu erwarten. Nicht nur aus Fuchssteiners Webseite, sondern auch aus Gesprächen mit diversen anderen Hochschulmitgliedern ist zu erkennen, dass es für eine derartige Lösung nur eine wenig tragfähige Gesprächsbasis gibt.
Zwar besteht seit 1997 das Spin-off-Unternehmen Sciface, um die Forschungsergebnisse der Uni zu marktreifen Entwicklungen auszubauen und das System MuPAD zu dokumentieren. Doch die Firma, an der Fuchssteiner maßgeblich beteiligt ist, tut sich offenbar schwer, im rein kommerziellen Umfeld gegen finanzstarke Konkurrenz wie Wolfram Research und Maplesoft zu bestehen. Obwohl das Mathematiksystem immer wieder als Vorzeigeobjekt nicht nur für die Uni Paderborn, sondern auch für die Wissenschaftspolitik des Landes Nordrhein-Westfalen und bundesweite Bildungsinitiativen herhält, erwirtschaften die bildungsfördernden Aktivitäten an Stelle von Profit nur Kosten für Sciface.
Sciface-Geschäftsführer Oliver Kluge ist zwar äußerst zuversichtlich, mit neuen, ab 2006 marktreifen Produkten wie etwa eingebetteten MuPAD-Systemen in komplexeren Softwarepaketen für spezialisierte Anwender eine dauerhafte Basis zu finden, doch bis dahin stehen dem Betrieb schwere Zeiten bevor. Zum Einen muss er sich um eine fortgesetzte wissenschaftliche Betreuung der MuPAD-Software kümmern – Kooperationsverhandlungen mit der Universität Göttingen laufen bereits und Sciface plant auch die Mitarbeiter von AutoMATH zu übernehmen. Zum Anderen nimmt es aber kein Wunder, dass die Firma als Erstes das kostenlose Angebot von MuPAD Light vom Netz genommen hat. In der Folge werden künftige Uni- und Schulprojekte auf käufliche MuPAD-Lizenzen zurück greifen müssen, sofern nicht aus der Vergangenheit noch legale Lizenzen vorhanden sind. Zu den Umsatzerwartungen mit einem ausschließlich kommerziell zu beziehenden MuPAD konnten wir Sciface keine konkreten Daten entlocken.
Man könnte vermuten, angesichts dieser Lage würden sich Bund und Länder gut mit einer Förderung des Paderborner Programms stellen: Einerseits wäre dies gleichbedeutend mit einer Entlastung der Schul- und Hochschuletats aus Beständen der Ministerien-Haushalte, also fast ein Nullsummenspiel. Andererseits dürfte ein Konkurs oder Standortwechsel von Sciface ein unerfreuliches Zeichen in die deutsche Forschungslandschaft setzen: Da wird jahrzehntelang ein angesehenes Produkt entwickelt, das aber mangels Anschlussfinanzierung auf Dauer doch wieder durch ausländische Konkurrenz ersetzt wird. Weder Kluge noch Andreas Sorgatz, der Verantwortliche für Schulprojekte bei Sciface, wissen bislang von einer staatlichen Kontaktaufnahme zu berichten, obwohl Fuchssteiner diesbezüglich trotz atmosphärischer Differenzen mit seinem Dienstherrn offenbar bei der Landesregierung Düsseldorf vorstellig geworden ist. (hps)