Telcos im Internetzeitalter: Vertikale Integration oder der Gnadenschuss?

Im MĂĽnchner Kreis diskutierten Vertreter von Telecom-Unternehmen ĂĽber ihre Zukunft.

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Von
  • Monika Ermert

Lohnt sich das Infrastrukturgeschäft noch oder sind Telekommunikationsfirmen fürs Überleben auf die Integration von Zugang, Diensten und Inhaltsangeboten angewiesen? Europas Netzanbieter geben darauf unterschiedliche Antworten und Wissenschaftler entwickeln zusätzliche Szenarien. Ein paar von ihnen wurden bei der Konferenz des Münchner Kreises zum Thema "Infrastruktur und Services – Ende einer Verbindung" gestern in München vorgestellt. Das Überleben der klassischen Anbieter sei nicht zwingend, urteilte Malcom Matson, Gründer von Colt Telecom, inzwischen aber Chef des Open Public Local Access Network (OPLAN). Die Stiftung kümmert sich um alternative Community-Netze. Matson zitierte mit Blick aufs Telco-Geschäft die indianische Empfehlung, von einem toten Pferd am besten rasch abzusteigen.

Christopher Schläffer von der Deutschen Telekom konterte Matsons Provokation mit dem Hinweis, einer seiner Vorfahren habe ein halbtotes Pferd schon einmal gegen eine komplette Alm eingetauscht. Die Telekom sehe er bei 60 Milliarden Euro Jahresumsatz nicht als ein totes Pferd. Das Unternehmen habe sich klar für die Strategie der vertikalen Integration entschieden. Neben Sprachtelefonie, Mobilfunk, Internetzugang und IPTV mit eigenem Portal investiere das Unternehmen mehr und mehr auch in diverse Inhalte. Das Komplettangebot reiche von Musik übers Immobilienportal bis zum Spiele-Download und der Fußballbundesliga im Netz. Auf den Web-2.0-Gedanken hat man bei der Telekom eine spezielle Antwort: In den USA können T-Mobile-Nutzer mit fünf ausgewählten Freunden umsonst telefonieren. Man wolle das Community-Prinzip nicht YouTube alleine überlassen, betonte Schläffer.

Die Möglichkeit einer Trennung von Infrastruktur und Diensten räumte Michael Dowling von der Uni Regensburg und Stefan Doeblin von der Network Economy Group ein. Dazu müsse nicht gleich die "Telekom verstaatlicht werden", erläuterte der Innovationsforscher. Es gebe aber keinen Grund, warum ein marktbeherrschendes Unternehmen nicht teilweise Infrastruktur an einen Finanzgeber verkaufen solle, der sich dann auf den Infrastrukturausbau konzentrieren und diesen im Sinne des gesamtgesellschaftlich notwendigen Infrastrukturausbaus mit Hilfe von Fondsmodellen angehen sollte.

"Eine Glasfaserinfrastruktur hier einzurichten kostet Geld", betonte Doeblin. Diese Kosten einem einzelnen Unternehmen aufzubürden, das noch andere Aufgaben bewältigen müsse, sei möglicherweise nicht erfolgversprechend. Rein lokale Initiativen aus den Kommunen heraus fehle es dagegen an Teilnehmerzahlen.

Für eine Teilabtrennung der Infrastruktursparte gibt es zwei Vorbilder. Jan Geldmacher von BT Deutschland berichtete von der Übertragung des Access Geschäfts der British Telecom Group auf "einen neutralen Betreiber" im Rahmen der Open-Reach-Initiative. Trotzdem verfolge BT dabei weiter vertikale wie horizontale Strategien. Neben dem Kernnetz bietet BT ebenso wie die Telekom verschiedenste Dienste wie Video-on-Demand unter dem Label BT Vision oder BT Fusion für ein abbruchloses Roaming vom Heimtelefonanschluss ins GSM-Netz.

Auch die Telekom Italia denke über eine Trennung von Netz und Diensten nach, referierte Geldmacher. "Vielleicht wäre das ja auch eine Idee für die Telekom." Damit könnte der durch die Debatte um Regulierungsferien gebeutelte Konzern möglicherweise aus der Schusslinie kommen. Beim irischen Telekom-Monopolisten Eircom wird ebenfalls eine Trennung von Infrastruktur- und Diensteangeboten durchgerechnet. "Wir denken über eine Abtrennung von Zugangs- und Backbone-Netz nach, aber auch von Vorleistungs- und Endkundengeschäft. Aber es ist noch nicht entschieden", sagte Robert Walsh, Pricing Manager bei der Eircom.

Die Abtrennung des Netzgeschäfts vom Service sei dabei keineswegs eine Phantomdiskussion, betonte Arnold Picot, Vorsitzender des Münchner Kreises und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das zeige nicht zuletzt die gestern bekannt gewordene Entscheidung von E-Plus, den Netzbetrieb an Alcatel-Lucent abzugeben und sich auf das Marketing-Geschäft zu konzentrieren. Spezialisierte Anbieter, auch reine Infrastrukturanbieter beziehungsweise Reseller, sind laut Doeblin trotz des guten Cashflows bei Unternehmen wie der Telekom vom Kapitalmarkt besser bewertet.

Der Telekom dĂĽrfte dabei vor allem Picots Entwurf so genannter Business Webs als weitere Positionierungstrategie gefallen haben. Ein Kernanbieter wĂĽrde zunehmend mit enger verbandelten und lose angedockten Partnerunternehmen zusammenarbeiten, um einen bestimmten Dienst zu realisieren. Microsoft arbeite so mit mehr als einem Dutzend Unternehmen bei der Umsetzung seiner IPTV Plattform zusammen. (Monika Ermert) / (anw)