Code macht konservativ

Es ist nicht mehr so, dass nur CDU und CSU für das Bewahrende zuständig wären. Das Netz hat nachgezogen. Statt von Parteiprogrammen lässt man sich hier nun von Codes festlegen.

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  • Peter Glaser

Es ist nicht mehr so, dass nur CDU und CSU für das Bewahrende zuständig wären. Das Netz hat nachgezogen. Statt von Parteiprogrammen lässt man sich hier nun von Codes festlegen.

Es gibt einen digitalen Konservativismus, der schon deshalb bemerkenswert ist, weil das Internet doch vielen als Areal des Fortschritts schlechthin gilt. Ich meine damit nicht so sehr Neugründungen wie etwa den von Netzpolitikern der Union konstituierten Verein CNetz, der eine Art Gegengewicht zu Communitys wie der von Netzpolitik.org angeschobenenen Digitalen Gesellschaft oder dem SPD-nahen Verband D64 bilden möchte. ("Unklar ist", schreibt Markus Beckedahl auf Netzpolitik.org dazu mit leiser Ironie, "wann Grüne und Linke eigene Vereine gründen".) Ich meine auch nicht den an althergebrachten Ahnungslosigkeiten festhaltenden Geist, der fordert, das Internet dürfe "kein rechtsfreier Raum sein" respektive "bleiben", etc.

Ich spreche von Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Virtualität stehen. Von Otto Normaluser und Petra Musterfrau. "Hoffentlich bleibt Posterous wie es ist", schreibt ein Nutzer zage bangend nach dem Verkauf des Blogging-Dienstes an Twitter. Hoffentlich ändert sich nichts und alles bleibt, wie es ist. Wird bei Facebook das Layout geändert, steht die halbe Welt Kopf. Explosionsartig anschwellende Gruppen mit Titeln wie "Wir wollen unser alter Facebook wiederhaben" erscheinen instantan, wie Startrekker nach dem Beamen. Sogar Pinterest, der letzte Schrei unter den sozialen Netzwerken (den mancher noch gar nicht recht vernommen hat) wird schon für ein kleines Redesign scharf kritisiert ("Ich hasse diese größere Darstellung des Profils und der Boards. Dass das jetzt aussieht wie die Facebook-Timeline, ist eine einzige Enttäuschung").

Wenn sich Medienkonsumenten, die sich vielleicht gerade erst an etwas Neues wie das Lesen zerfaserter Online-Texte gewöhnt haben, in ihren kleinen Gewohnheiten gestört fühlen, können sie gleichermaßen unangenehm wie beharrlich werden. Das Phänomen ist nicht neu. Wenn das angestammte Wochenblatt oder die Tageszeitung die Schrifttype oder den Zeilenabstand änderte, um dem informationsüberfluteten Zeitgenossen kürzere, lichtere Texte anzubieten, pflegte die Leserschaft ruckartig gereizt wie eine angegrabschte Seeanemone zu reagieren.

In den 80er und 90er Jahren hatte sich, was Software angeht, das "Wir haben uns etwas Neues für Sie ausgedacht" zu einem Albtraum entwickelt. Fast jede neue Anwendung erforderte ein komplettes, radikales Umdenken. Bewirkte Ctrl-Sonstwas im einen Programm das schlichte Einfügen einer Zeile, konnte es in einem anderen eine kybernetische Katastrophe auslösen, falls man für einen Augenblick vergessen haben sollte, dass man ja die Programmumgebung gewechselt hatte. Apple mit seinen strengen Design-Vorschriften für die Programmierer brachte Ordnung in das Durcheinander. Normierung ist nützlich – und aus naheliegenden Gründe erzkonservativ.

Komplexer Code neigt insgesamt ins Konservative. Je komplexer ein System wird, desto stärker widersetzt es sich Bemühungen zu gegebenenfalls grundlegender Erneuerung. Betriebssysteme sind das beste Beispiel dafür. Deren Evolution ähnelt immer mehr den Prozessen, die man in der Politik beobachten kann: Sie werden nicht erneuert, sondern höchstens zaghaft reformiert. Es gibt kleine Veränderungen, die den Gewohnheiten der Nutzer nicht allzu sehr zuwiderlaufen sollen. Es gibt Kompromisse, die niemanden glücklich machen. Als Trainingsfeld und zentrale Metapher für das moderne Leben gibt die digitale Welt bei weitem nicht nur Innovationen, Disruptionen und die obligate größte Revolution seit Gutenberg vor.

Den digitalen Konservativismus kann man aber auch als ein Rightsizing sehen, was den Verlauf menschlicher Lernkurven angeht. Sie verlaufen nicht so schnell, wie Marketingmenschen möchten. Immer, wenn man einen der täglich verwendeten Softwarekomplexe einigermaßen zu beherrschen gelernt hat, kommt ein Update, eine neue Version, ein Upgrade. Und damit der Hersteller auch rechtfertigen kann, dass er Geld dafür verlangt, wird hier und da und dort etwas ab- oder hinzumontiert und werden ein paar lustige neue Bugs implantiert, damit keine Langeweile aufkommt.

"Früher", schreibt der Kulturphilosoph Lewis Mumford, "gab das Prüfen und Testen einer Erfindung genügend Zeit nicht nur zur Überwindung der ihr anhaftenden Fehler, sondern auch, um die Gemeinschaft darauf vorzubereiten – obwohl die Barrieren nicht immer genügend sozialen Schutz boten, wie wir an den himmelschreienden Übeln, die das Fabriksystem mit sich brachte, ersehen können". Heute stünden wir genau der umgekehrten Situation gegenüber. Hindernisse solcher Art seien niedergerissen worden. Das jüngste technische Projekt verlange stets, von der Gesellschaft um jeden Preis sofort übernommen zu werden – anstatt sich bewähren zu müssen, bevor es anerkannt und akzeptiert wird. "Jedes Zögern gilt als sträflich, oder, wie Ogburn es einmal naiv ausdrückte, als kulturelle Rückständigkeit." (bsc)