Kalt erwischt
Sind mit den jüngsten Mac-Trojanern auch die Apple-User in der Sicherheits-"Normalität" angekommen?
- JĂĽrgen Seeger
Schlecht Ding will Weile haben. Als 2006 ein Mac-OS-Wurm entdeckt wurde, stand dieses Editorial (siehe „Alle Links“) unter der Überschrift „Ende der Schonzeit“. Es schloss mit der Prophezeiung: „Dass es bei den wenigen Schädlingen für Mac OS X bleibt, ist kaum zu erwarten. Somit dürfte allmählich auch der letzte Rückzugsraum auf dem Desktop fallen.“
„Allmählich“ dehnte sich auf immerhin sechs Jahre aus. Der 2009 entdeckte iWork-Trojaner erreichte keine nennenswerte Verbreitung, bis Ende März 2012 waren in der Mac-Welt Viren praktisch kein Thema. Doch dann kamen gleich mehrere Malware-Angriffe nacheinander (siehe Seite 16 in iX 5/2012), von denen der erste, der Flashback-Trojaner, der strategisch wichtigere war. Denn der konnte ein Bot-Netz von rund einer halben Million fernsteuerbarer Macs aufbauen, so Expertenschätzungen.
Über ein Mac-Bot-Netz hätten vor 10 Jahren die Spam-Schleuderer und DoS-Mafiosi nicht einmal nachgedacht. Die paar Macs im Lande lohnten den Aufwand einfach nicht. Doch mittlerweile beträgt der Marktanteil von Mac OS X bei den Desktop-Rechnern in den USA deutlich über 10 Prozent, weltweit immerhin rund 6 Prozent, in Deutschland etwas darüber. Tendenz: steigend.
Somit sind die aktuellen Angriffe Kollateralschäden des Erfolgs. Und sie treffen die Mac-Gemeinde weitgehend unvorbereitet.
Denn Mac-User sind es nicht gewohnt, sich mit Malware herumschlagen zu mĂĽssen. Die wenigsten kennen die Warnzeichen bei Malware-Befall, kaum jemand benutzt einen Viren-Scanner.
Auch fĂĽr Apple selbst ist die Situation neu. Die Reaktionszeit auf den Flashback-Befall wird von Sicherheitsexperten als zu langsam und zu wenig kommunikativ kritisiert. Zur Erinnerung: Microsoft brauchte Jahre, mit Sicherheitsproblemen angemessen umzugehen.
Hinzu kommt, dass Apples Kommunikationsstrategie ohnehin nicht gerade durch Offenheit geprägt ist, um es vorsichtig auszudrücken. Auch das ist wenig hilfreich, wenn es um schnelle Reaktionen geht, wenn nötig auch gemeinsam mit externen Experten.
Droht also jetzt wirklich das in diesen Tagen überall getitelte „Ende der Schonzeit“ für die Mac-Welt? Leider spricht einiges dafür. Und wenig dagegen. Dass der Marktanteil von Macs Anfang der 1990er-Jahre schon einmal höher lag als heute und es keine Mac-Viren gab, ist übrigens kein Gegenargument. Denn damals gab es weder Bot-Netze noch eine Spam-Mafia.
Alle Links: www.ix.de/ix1205003 (js)