Große Märkte, kleines Wachstum

Technik ist nur gut, wenn sie konsumiert wird. Und Krise hin, Krise her: Konsumelektronik verkauft sich weiter gut. Der Weltmarkt wächst, wenn auch wenig.

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  • Martin Kölling

Technik ist nur gut, wenn sie konsumiert wird. Und Krise hin, Krise her: Konsumelektronik verkauft sich weiter gut. Der Weltmarkt wächst, wenn auch wenig.

Krise in Europa. Langsameres Wachstum in China. Japans Elektronikkonzerne mit Rekordverlusten. Die Solarindustrie in Deutschland am Boden, die in China in den roten Zahlen. Und die Margen sind durch den Preiskampf an allen Fronten und besonders in den Geschäften inzwischen so unterirdisch, dass selbst die Industrie einen Wandel fordert. "Einen Wandel von der Wertevernichtung hin zur Werteorientierung" wünschte sich Rainer Hecker, der Chef der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GFU) auf der internationalen Pressekonferenz der Internationalen Funkausstellung (IFA). Oder anders gesagt, die Kunden sollen so erzogen werden, dass sie nicht mehr nur auf den Preis, sondern auf die wunderbaren neuen Werte achten, die ihnen neue Techniken ermöglichen. Internetfähige Fernseher zum Beispiel, auch Smart-TVs genannt, entwickeln sich immer mehr zum Verkaufsrenner. Doch eine goldene Nase verdient sich damit kein Unternehmen mehr.

Doch Heckers Hoffnungen drohen ein frommer Wunsch zu bleiben. Wie sollen die Weltkonzerne und Einzelhandelsketten sich in Zurückhaltung üben, wenn sich gleichzeitig immer mehr Unternehmen mit immer neuen Geräten um einen immer langsamer wachsenden Kuchen balgen. Dass das Innovationstempo und der Wettbewerbsdruck weiterhin hoch bleiben, zeigen schon die Zahlen für die neue IFA im September. Die Messe sei schon jetzt überbucht, erklärte der IFA-Direktor Jens Heitecker, auf der gleichen Pressekonferenz in Dubrovnik. Und geht es nach den Berlinern, soll der Trend so weitergehen. Sie bauen wenigstens eine neue Halle, um noch mehr Herstellern von Flachfernsehern und weißer Ware wie Kühlschränken aus aller Welt den direkten Kontakt mit Kunden und – noch viel wichtiger – mit Händlern aus ganz Europa zu gestatten. Denn Europa geht es besser als sein Krisenruf ist.

Richtig dreckig geht es nur den Krisenstaaten, zeigen Daten des Marktforschers GfK. Insgesamt sehen sie den Weltmarkt für digitale Produkte um zwei Prozent wachsen. Europa zähl mit einem plus von 0,3 Prozent dabei nicht zu den Spielverderbern. Das ist zwar nichts zu den plus 10, 12 und 13 Prozent, die die GfK für Asien (exklusive Japan), Südamerika oder die Region zwischen dem Golf und dem Kap der Guten Hoffnung erwartet. Aber es ist allemal besser als die minus 2 und minus 6 Prozent in Nordamerika und Japan. Motoren sind Smartphones, Tablets und Fernsehern. Von Kannibalisierung der verschiedenen Bildschirme ist nichts zu spüren. Anscheinend kaufen sich die Menschen derzeit für jeden Zweck ein Display. Handys und Fernseher, weil sie müssen (fürs Telefonieren und Fernsehen), Tablets weil sie Schickes wollen (bin ich der einzige, der noch nicht das richtige Tablet für seinen Lebens- und Arbeitsstil gefunden hat?).

Dabei zerfällt die Zusammensetzung der Märkte allerdings interessanterweise drastisch. In Europa und den USA ist die Zersplitterung des Marktes zwischen den verschiedenen Produkten der Digitalwelt am größten. Kein Wunder, denn die Altreichen der Welt haben es sich leisten können, ausgewählte und vielfältige Geschmäcker zu entwickeln und käuflich zu befriedigen. Im immer neureicherem Asien hingegen konzentrieren sich die Kunden auf die Grundausstattung eines digitalen Weltbürgers. Während Laptops, Smartphones, Flachfernseher, Handys, Desktop-PCs und Digitalkameras in Asien nach Angaben der GfK 80 Prozent des Marktes ausmachen, sind es in Europa nur 58 Prozent.

Am schwierigsten wird es allerdings in einem der teuersten Bereiche des Sektors, den Flachfernsehern. Der globale Preiskampf hat sogar die Pioniere der Technik, die Japaner, in die Knie gezwungen. Sony verabschiedet sich weitgehend aus der eigenen LCD-Produktion, Panasonic schließt einige Panel-Werke ersatzlos, Sharp holt sich die Foxconn-Mutter Hon Hai ins LCD-Werk. Dort verorten die Marktforscher eines der größten Wachstumspotenziale bei internetfähigen Smart-TVs, mit denen die Hersteller die kaufmüde Kundschaft wieder mehr Geld aus der Tasche zu ziehen hoffen. Samsung präsentierte auf der IFA-Pressekonferenz Fernseher mit Sprach- oder Gestensteuerung. Panasonic wandelte ein Handy per App in eine Fernbedienung und einen Fernseher in ein Mega-Display um, auf das sich mit einem Fingerwisch entweder Fotos, Videos oder Internetseiten hinüberschieben lassen.

Doch allen Versuchen ist bei aller Ansehnlichkeit eines gemeinsam: So ganz sicher, wie die Internet-Fernseher zu bedienen sein werden, ist sich noch niemand. Derzeit identifizieren die Experten drei Ansätze: 1. Internet-Dienste, die von den Sendern und den Inhalteanbietern kontrolliert werden. Die haben ein begrenztes Angebot mit hoher Qualität. 2. Internet-Plattformen der Hersteller wie "Actvilla" in Japan, auf dem die TV-Anbieter gemeinsam einen Videoverleih und weitere Dienste, darunter ein kostenpflichtiges Angebot des öffentlich-rechtlichen TV-Senders NHK, anbieten. Und 3. die Verbraucher-kontrollierte Variante – Stichwort Google TV. Chaotisch, oft mit lausiger Qualität, aber extrem vielfältig. Mal sehen, was sich durchsetzt. Ich warte allerdings erst einmal ab. Ich habe mir erst voriges Jahr ein Gerät der zweiten Gruppen gekauft und nutze die Möglichkeiten nicht einmal voll aus. (bsc)