NAB: China Media On-Demand Coalition sagt Wintel den Kampf an

Teilweise skurrile Züge nahm die Präsentation eines Konsortiums kleiner Firmen an, die durch eine neue Hardware-Plattform und einen Pakt mit der chinesischen Regierung eine führende Stellung bei der Vermarktung von digitalen Inhalten anstrebt.

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Von
  • Erich Bonnert

Mit Unterstützung chinesischer Offizieller, aber ohne die Nennung technischer Details wurde die IDV Superbox vorgestellt [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Unter dem Namen IDV GMOD will IDV Global Media On-Demand Inc. eine Geräteplattform entwickeln, die Funktionen von Hochleistungs-PC, Spielkonsole, Video-Player und HDTV-Empfang mit Festplattenrecorder sowie Breitband-Internetzugang vereinigt. Chinas Zertifizierungsbehörde für die IT- und Medienindustrie habe das Design zum nationalen Industriestandard erklärt, der in alle Haushalte eingeführt werden soll, erklärte die Firma. Dazu wurden auch gleich die beiden größten Breitband-Provider, China Telecom und China-Netcom, sowie mit Tsinghua Tongfang der angeblich zweitgrößte PC-Hersteller des Landes mit ins Boot geholt.

Die so genannte IDV Superbox wird als PC der nächsten Generation bezeichnet. Die Hardware hat IDV entwickelt. Technisch ist derzeit nicht viel bekannt; die Internet-Protokolle IPv4 und IPv6 sowie den Kurzstreckenfunk UWB sollen aber unterstützt werden. Das Betriebssystem entwickelt eine Pekinger Universität unter dem Codenamen MSO, ebenso die Bedienoberfläche. Das chinesische Industrieministerium bezeichnet die Superbox als dem derzeitigen Wintel-Standard weit überlegen. Es soll der erste vollkommen sprachgesteuerte PC werden.

Auf der Pressekonferenz am pompösen, leuchtendroten Stand von IDV auf der NAB-Show war allerdings nichts von der Superbox zu sehen. Auch weitere technische Angaben waren nicht zu erfahren. Stattdessen nahm die Darbietung teilweise skurrile Züge an. Eine ganze chinesische Delegation saß auf dem von Leibwächtern umringten Podium -- immerhin soll die China Media On-Demand Coalition angeblich so ziemlich alles versammeln, was im offiziellen China von Bedeutung ist, darunter etwa das "Foreign Affairs Department, State Administration of Radio, Film and TV", das "Ministry of Information Industry" oder das " Information Office of the State Department". Jeder der Sprecher wurde ausführlich vorgestellt, um dann jeweils seine optimistischen Erwartungen für die revolutionäre Superbox kundzutun. Alle Ansprachen mussten vom Chinesischen ins Englische übersetzt werden und umgekehrt. Gezeigt oder erklärt wurde die Technik jedoch nicht.

Immerhin aber scheinen Chinas Offizielle große Erwartungen in die Zusammenarbeit mit IDV zu setzen. Die Regierung will beispielweise Sportübertragungen und Online-Spiele für ein breites Publikum erschwinglich machen. Das Bildungsministerium plant zudem einen Einsatz im Online-Unterricht. Allerdings war die offizielle Begeisterung bei der ersten Vorstellung, die der gestrigen NAB-Präsentation um wenige Tage vorwegging, noch nicht sehr ausgeprägt: Ein Sprecher des chinesischen Informationsindustrieministeriums erklärte, er habe von dem Vorhaben noch nie etwas gehört.

IDV wurde im Vorjahr durch Fusion mehrerer Firmen gegründet und besteht nach Angaben der Firma aus "20 bis 30 Mitarbeitern" -- darunter auch Kevin Bachus, der an der Entwicklung von Microsofts Xbox beteiligt war. Die Entwicklungsarbeiten hätten schon Jahre vorher in anderen Konstellationen begonnen und würden teilweise auch von Vertragsfirmen ausgeführt. Das Unternehmen hat bereits über 30 Millionen Dollar für den Erwerb von Domain-Rechten investiert. Ob Geld von chinesischen Organisationen oder Firmen an die kalifornische Firma geflossen ist, war nicht zu erfahren. (Erich Bonnert) / (jk)