TV Movie startet ersten Programmführer fürs Web-TV

Die Programmzeitschrift will eine Brücke zwischen den YouTube-Welten und dem klassischen Fernsehen schlagen und gemeinsam mit MTV das Thema Inhalte-Streaming etwa mit Standardisierungsversuchen vorantreiben.

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TV Movie will eine Brücke zwischen den YouTube-Welten und dem klassischen Fernsehen schlagen und gemeinsam mit MTV das Thema Inhalte-Streaming etwa mit Standardisierungsversuchen und einer Qualitätsdebatte generell vorantreiben. Die Programmzeitschrift aus dem Bauer-Verlag hat dazu am heutigen Montag den ersten Online-Programmführer fürs Web-TV gestartet. Der Eletronic Program Guide (EPG) erfasst zunächst 500 Sender mit rund 2500 einzelnen Titeln, die redaktionell begutachtet und dabei insbesondere auf technische Erreichbarkeit und Qualität überprüft werden. "Die Sendungen müssen unterhaltsam sein und bestimmte Informationen für den Zuschauer transportieren", umreißt Rüdiger Knopf aus der Redaktionsleitung von TV-Movie die inhaltlichen Selektionskriterien. Nicht-jugendfreie Beiträge würden zudem ausgeschlossen.

Der Verlagsleiter der Zeitschrift, Philipp Wolde, wagt sich gar mit dem Versprechen vor, dass die gelisteten Sendungen mehr oder weniger "mit einem Klick starten". Man habe viel Wert auf die leichte Nutzbarkeit der aufgenommen Angebote gelegt. Größtenteils seien die Web-TV-Kanäle kostenlos, einzelne Pay-Inhalte gebe es aber auch im Katalog. Die Bandbreite reicht vonm Haustier-TV und ADAC-Fernsehen über lokale Sender bis hin zu den TV-Inhalten größerer Plattformen wie MTV Overdrive oder Spiegel Online. Die Angebote sind in Kategorien wie Film, Serie, Unterhaltung und Musik, News & Reportage, Sport oder Regionales eingeordnet, wobei jeweils die redaktionell ausgewählten "fünf Top-Sender" an erster Stelle stehen. Darüber hinaus stellt der EPG jede Woche die "sieben besten Sendungen" vor.

Mit dem Programmführer will TV Movie den Dschungel der Online-TV-Sendungen lichten und insgesamt laut Wolde "Aufklärung" betreiben, "was Web-TV ist". Der Verlagsleiter grenzt das Feld dabei nach unten ab zum momentan besonders boomenden Sektor der nutzergenerierten Inhalte, die über Plattformen wie YouTube, MySpace, ClipFish oder MyVideo ihre Verbreitung finden. In diesen "User 2.0"-Sektor fallen Wolde zufolge auch "private", mit der Webcam aufgezeichnete Inhalte. Am oberen Ende der Fahnenstange bewege sich das viel beschworene IPTV, also die mit interaktiven Zusatzfunktionen ergänzte Ausstrahlung klassischer Fernsehinhalte über IP-basierte Netze und DSL-Anschlüsse. Diese habe sich trotz verfügbar gemachter Top-Filme aber noch nicht richtig durchgesetzt. "Das ist für den Zuschauer noch zu abstrakt", betreibt Wolde Ursachenforschung, dass er jetzt plötzlich Fernsehen quasi über einen rückkanalfähigen Rechner in Form einer SetTop-Box gucken solle. Zudem seien erst wenige Haushalte an neue Hochgeschwindigkeitsangebote wie das VDSL-Netz von der Deutschen Telekom angeschlossen.

TV Movie will daher das breite Mittelfeld des Web-TV besetzen. Wolde fasst darunter alle zum Download, insbesondere aber per Streaming verfügbaren Bewegtbild-Angebote, die redaktionell betreut werden, eine gewisse "Authentizität mit Sender-Charakter" aufweisen und sich vor allem ohne den Einsatz zusätzlicher Hardware allein mit Software-Playern abspielen lassen. Bei der Auswahl achte man natürlich auch darauf, dass es keine Probleme mit Rechten Dritter gebe. "Wir empfehlen keine geklauten Inhalte", gibt Wolde als Losung aus. Jeder Anbieter sei aber letztlich selbst auf die Rechteabklärung verantwortlich. Erfahre man von Urheberrechtsverletzungen, "schmeißen wir den Sender runter". Dazu komme ein "Web-TV-Alarm" als Zusatzfunktion, über die Nutzer jugendschutzgefährdende Inhalte melden können.

Der Programmführer, den TV Movie bislang noch mit der alten Mannschaft ohne Aufstockung stemmt, soll stetig beim erfassten Angebot sowie den zur Verfügung stehenden Funktionen ausgebaut werden. Dazu würden eine Schlagwortsuche und ausführlichere Senderinformationen kommen. Den EPG will TV Movie ferner in die bereits aufgebaute Online-Community der Zeitschrift integrieren, sodass die Nutzer Sender auch bewerten können. Das Angebot werde dabei kostenlos bleiben, da eine reine Werbefinanzierung angestrebt sei. Neben Bannern listet Wolde dabei "Google-Sponsored-Links" sowie "redaktionelle Kooperationen" auf, die aber "deutlich gekennzeichnet" würden.

Zur Zusammenarbeit mit MTV verriet bei einem Pressegespräch in Berlin der für digitale Multimedia-Inhalte zuständige Manager des Mutterhauses Viacom Deutschland, Joel Berger, dass "Web-TV bei der Qualität der Inhalte und der Standards noch besser werden kann" und man daher eine Initiative gemeinsam mit anderen Anbietern ins Leben rufen wolle. Ein erster Erfahrungsaustausch mit Inhaltelieferanten, EPG-Machern und Werbetreibenden sei für Anfang September geplant. Den im Juli erfolgten Start des eigenen Web-TV-Angebots Overdrive, das mit Microsoft Windows DRM arbeitet und daher unter Betriebssystemen wie Mac oder Linux nicht läuft, bezeichnete Berger als erfolgreich. Es würden "ein paar Millionen Streams im Monat" abgerufen, die von "mehreren zehntausend" Werbespots durchzogen seien. Diese meist 15 Sekunden langen Unterbrecherfilmchen wiederum seien nicht wegklickbar und würden daher "zu 90 Prozent bis zu Ende angeschaut".

Anfang April folgt Berger zufolge mit TurboNick ein eigener Web-TV-Sender für Kinder, wobei mittelfristig aber die Re-Integration der nicht als eigenständig aufgefassten Ableger in die deutsche MTV-Hauptsite geplant sei. Für Kooperationen mit anderen Web-TV-Anbietern für eigene MTV-Kanäle auf deren Plattformen sei man offen, solange man Vereinbarungen über das Teilen der Werbeeinnahmen fände. (Stefan Krempl) / (jk)