Solarkraftboom im Sonnenreich
Japan will endlich ein Energieeinspeisegesetz einfĂĽhren. Die VergĂĽtung fĂĽr Sonnenstrom wird dabei wahrscheinlich ĂĽberraschend hoch ausfallen.
- Martin Kölling
Japan will endlich ein Energieeinspeisegesetz einfĂĽhren. Die VergĂĽtung fĂĽr Sonnenstrom wird dabei wahrscheinlich ĂĽberraschend hoch ausfallen.
Fukushima ist Japans Atomlobby böse in die Parade gefahren. Nix da mit dem rapiden Bau neuer AKWs im Land, den sich die Stromkonzerne noch 2010 so schön ausgemalt hatten. Stattdessen macht der Staat mit den bisher stiefmütterlich behandelten erneuerbaren Energien Ernst. Ein Regierungsausschuss hat gestern endlich die Tarife vorgeschlagen, die Japans Version eines Energieeinspeisegesetzes ab 1. Juli mit Leben füllen sollen. Und der Vorschlag fällt überraschend generös aus – besonders für Sonnenstrom. 42 Yen (rund 40 Euro-Cent) pro Kilowattstunde sollen die Stromkonzerne Häuslebauern und Betreibern größerer Kraftwerke für Sonnenstrom zahlen. Strom aus Wind und Erdwärme soll mit 23 und 27 Yen pro Kilowattstunde vergütet werden. Mit derart hohen Preisen hatte kaum jemand gerechnet.
Für das Energieeinspeisegesetz könnte dies ein kaum noch erwarteter Durchbruch werden. Bisher hatte der politische Streit zwischen Regierung und der Oppositionsmehrheit im Oberhaus verhindert, dass die Regierung die Details des Gesetzes beschließen konnte. Selbst zwei Monate vor seinem Inkrafttreten hatten daher die Unternehmen und Konsumenten keine Planungssicherheit. Der mögliche Boom grüner Energien verzögerte sich daher. Doch ab dem nächsten Jahr dürfte es rasant losgehen. Denn die Anbieter stehen bereits in den Startlöchern. Selbst das Landwirtschaftsministerium ist auf den grünen Wagen aufgesprungen. Es hat einen ambitionierten Plan verabschiedet, nicht verwendete landwirtschaftliche Nutzflächen für den "Anbau" von Sonnenstrom freizugeben. Bisher wurde jeder Quadratzentimeter Ackerkrume gegen agrarfremde Nutzung verteidigt.
Wie stark der Boom wird, ist noch offen. Denn es wird einen interessanter Machtkampf in Nippon (wörtlich dem Land der aufgehenden Sonne) geben. Auf der einen Seite stehen die Stromkonzerne und die Atomlobby, die im Jahr 2000 und auch in den Jahren danach eine Einführung eines Energieeinspeisegesetzes abwehren konnten. Nach der Atomkatastrophe haben sie wenig überraschend an Macht eingebüßt. Selbst ihr bisheriger Bettvorleger, die Atomaufsichtsbehörde Nisa, entwickelt überraschende Beißkraft. Gestern erklärte die Nisa, dass ein AKW mit zwei Reaktoren in Tsuruga, der Region mit der größten AKW-Dichte der Welt, wahrscheinlich nicht als Standort taugt, weil das AKW neuesten Forschungen zufolge genau über einer erdbebenaktiven Falte thront. Bisher hatte die Atomaufsicht die Beteuerungen von Bossen, Beamten und Politikern, dass Japans AKWs absolut sicher seien, immer brav abgenickt und kritische Forschungsergebnisse und abweichende Stimmungen zurückgewiesen. Diese ungewohnte Standfestigkeit der Aufseher dürfte es Ministerpräsident Yoshihiko Noda noch schwerer machen, zu Inspektionen abgeschaltete AKWs wieder in Betrieb zu nehmen, um Japans drohende sommerliche Stromnot zu lindern. Schon die Ankündigung seiner Einschaltoffensive straften die Wähler mit Abschlägen in der Popularitätswertung. Die Zustimmungsrate zu seinem Kabinett ist in allen Meinungsumfragen prompt unter die Marke von 30 Prozent abgerutscht, unter der eine Regierung in Japan als akut sturzgefährdet gilt. Das Wahlvolk scheint eine Atomallergie entwickelt zu haben.
Auf der anderen Seite jubeln neue Sonnenstromvisionäre und vor allem alteingesessene Elektronikkonzerne, die nun eine Bonanza wittern. Allen voran die Muttergesellschaft des Mobilnetzbetreibers Softbank: Der Gründer des Konzerns, Masayoshi Son, hat die Lokalregierungen zusammengetrommelt, um das Land mit kommerziellen Großanlagen zu überziehen. Das geht zwar nach rasanten Beginn etwas schleppend voran. Doch nun dürfte mehr folgen, denn besonders die Elektronikkonzerne, die gerade in der Regel Milliardenverluste erleiden, werden sich mit Macht hinter die Solarzellen werfen. Schließlich sind sie es und nicht wie in Europa Start-ups, die von dem Boom profitieren werden. Die größten Hersteller von Solarzellen in Japan heißen Panasonic, Sharp, Kyocera und Mitsubishi Electric. Vor diesem Hintergrund wundert die hohe Vergütung für Solarstrom wieder weniger. Das Kalkül ist klare Industriepolitik: Die Sonne soll dank staatlicher Preisgestaltung den japanischen Elektronikkonzernen bei ihrer Sanierung helfen.
Aber ich halte es noch für fraglich, ob diese Hoffnung aufgehen wird. Denn ganz unter sich werden die Japaner den Kuchen nicht aufteilen können. Auch ausländische Hersteller wie Schott aus Deutschland oder mehrere chinesische Solargrößen drängen auf den japanischen Markt. Und damit dürften die globalen Überkapazitäten an Solarzellen, die bisher in Europa auf den Markt geworfen wurden und zu Preisverfall und Pleiten geführt haben, nun nach Japan schwappen. Die Häuslebauer besonders in Japans sonnigem Süden wird es dennoch freuen. Denn sollte die Vorschläge am Freitag dieser Woche Gesetz werden, können sie auf einen Geldsegen hoffen, und ihren nicht genutzten Sonnenstrom an die Netzbetreiber verkaufen. Die klaffende Atomstromlücke, die durch die Abschaltung aller oder wenigstens der meisten der 54 Atommeiler wahrscheinlich klaffen wird, kann der Sonnenstrom zwar noch lange nicht füllen. Aber für Japan, das bislang nur rund ein Prozent seines Stroms aus Sonne, Wind und Erdwärme gewonnen hat, wäre es der Anfang der lange überfälligen Energiewende.
Und wer weiß, vielleicht wird sich Deutschland nicht mehr lange so allein dort draußen im wachsenden Lager der Ex-Atomkraftnationen fühlen. Vielleicht folgt der überraschenden Preispolitik nun auch ein überraschender Ausstieg aus der Atomkraft. Obwohl ich persönliche nicht daran glaube. Ich denke, die Regierung wird offiziell an der Atomkraft als Teil des Energiemixes festhalten wollen. Meine Wette: Sie wird lediglich beschließen, die "Abhängigkeit vom Atomstrom" abbauen zu wollen (so die offizielle Sprachregelung), ohne einen direkten oder schrittweisen Ausstieg zu erklären. Gleichzeitig wird es wahrscheinlich schwierig, diese Politik gegen die Bevölkerung durchzusetzen, so dass das Land energiepolitisch für eine Zeit in einer Grauzone verweilen dürfte. Das ist zwar für Deutsche, die klare Entscheidungen lieben, nicht der beste Weg. Aber hier in Japan kann dies vielleicht eine Zeit lang funktionieren. Denn hier, dem Reich des Sowohl-als-auch, sind die Menschen gewohnt, in Grauzonen zu leben. (bsc)