Das Comeback der Brettspiele
Dank intuitiver Touchscreen-Steuerung werden Tablet-PCs zu einer ernsten Konkurrenz für Spielekonsolen. Zu den beliebtesten Apps zählen Klassiker wie Monopoly und "Die Siedler von Catan".
- Chris Löwer
Wer das Wettangeln mit seiner Mini-Rute gewinnen möchte, muss schnell und geschickt sein: Plötzlich auftauchende Hechte können den Fang noch im Wasser wegschnappen – oder gierige Greifvögel, wenn der Fisch schon an der Angel baumelt. Und dann versperren auch noch breitblättrige Pflanzen den Blick auf die Jagdgründe unter Wasser. Das Spiel mag seltsam anmuten: Mehrere Personen, die ihre Angelhaken auf einer 18 x 24 Zentimeter großen Glasplatte umherziehen. Aber tatsächlich ist es ein beliebter Vertreter zeitgemäßer Familienunterhaltung, die echtes Spielgerät mit dem Computer verbindet: Die Glasscheibe ist ein Tablet-PC von Apple, auf dessen Touchscreen die "Haken" der echten Miniangeln das virtuelle Spielgeschehen auslösen.
Ähnlich funktioniert das Tischhockeyspiel "Air Hockey". Dabei müssen Spieler den virtuellen Puck geschickt mit einem kleinen Schläger ins gegnerische Tor befördern. Oder beim "Gänsespiel". Da flattern animierte Vögel über den Monitor, Gitter krachen herunter, Brücken werden geschlagen. Die Spieler rücken mit echten Figuren vor, deren Unterseite so beschichtet ist, dass die Position auf der Touch-Oberfläche abgebildet und das Spiel mit ihnen gesteuert wird. Der Fingerwisch per Touchscreen ersetzt den Würfel, der aktuelle Spielstand wird stets automatisch abgespeichert.
Keine Frage: Das Spielbrett ist wieder auferstanden – als Tablet. Unter dem Namen iPawn hat der Spielehersteller Jumbo kürzlich eine ganze Serie klassischer Brettspiele als kostenlose App speziell für das iPad auf den Markt gebracht. "iPawn ist einer von vielen kreativen Ansätzen, die das berührungssensitive Display nutzen, um für eine neue Spiele-Erfahrung zu sorgen", sagt Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Eine Erfahrung, die der stagnierenden Spieleindustrie einen neuen Absatzkanal beschert. "Der gesamte Markt wird durch die Tablet Games umgekrempelt", bestätigt Markus Kassulke, Mitgeschäftsführer der Firma HandyGames. Große Spiele-Entwickler wie Electronic Arts lassen verlauten, dass Tablets die derzeit am schnellsten wachsende Plattform sind. Die Auswahl ist schon jetzt mit weit mehr als 20000 iPad-Games riesig. "Durch eine leistungsstarke Grafik und ausgeklügelte Spielmechaniken werden Tablets für normale Spielkonsolen zur ernst zu nehmenden Konkurrenz", bilanziert BIU-Chef Schenk. Schon werden eine ganze Reihe ehemaliger Konsolenklassiker als iPad-Spiele angeboten: das Horror-Ballerspiel "Dead Space", das Actionspiel "Re-Load" oder der Zombie-Grusel von "Monster Madness", der ursprünglich für die Xbox 360 von Microsoft entwickelt wurde.
In den USA ist Daddeln die weitaus beliebteste Beschäftigung mit dem Tablet, daran lässt eine Studie der US-Konsumforscher von GfK Mediamark Research & Intelligence keinen Zweifel. Ein Großteil der 3000 Befragten gab an, dass sie inzwischen lieber zum Tablet als zur Spielekonsole greifen. Bislang ist das Gros der angebotenen Spiele eher einfacher Natur, das die Mög- lichkeiten der berührungsempfindlichen Multimedia-PCs bei Weitem nicht ausschöpft. "Viele Konzepte werden aus dem Smartphone-Segment übernommen und dann für Tablets aufgehübscht", sagt Christian Twellmann, Chef der Hamburger Mobile-Entertainment-Beratung mPilot.
Zwar auch simpel gestrickt, aber auf dem Tablet ungleich attraktiver als auf dem Handy, sind Same-Screen Multiplayer Games. Dabei spielen mehrere Menschen gleichzeitig am selben Gerät, wie bei "Finger War" oder Brettspiel-Adaptionen wie "Die Siedler von Catan". Tatsächlich feiern vor allem hergebrachte Karten- und Brettspielhits auf dem Tablet ein Revival: Neben dem Siedlerspiel zählen Uno, Backgammon, Monopoly und Scrabble zu den Lieblingen im App Store. "Ich gehe davon aus, dass zunächst vorrangig klassische Spiele adaptiert werden und weniger mit großartigen Innovationen zu rechnen ist", erklärt Medieninformatiker Carsten Busch vom GamesLab an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Wie bei fast jedem neuen Medium würden zunächst bekannte Inhalte übertragen. Beim Tablet ist die Hürde zum Spielen deutlich niedriger als bei Computern oder Konsolen: Weder CDs noch Downloads noch Updates sind nötig – ein paar Klicks, um die App zu laden, genügen. Das lockt selbst notorische Nichtspieler.
Faszinierend ist auch die Steuerung per Finger, denn sie ist so schön einfach. Entweder zieht der Spieler per Berührung die Figuren direkt über den Bildschirm, kickt und schnippt oder bedient den auf dem Touchscreen eingeblendeten virtuellen Joystick. Doch bei schnellen Jump-and-run-Spielen oder Ego-Shootern gelangen die Finger als Steuerorgan schnell an ihre Grenzen. Dafür gibt es jetzt erste kabellose Controller, die über Bluetooth mit dem Tablet verbunden werden. Bei einer anderen Variante wird der patentierte "Fling", ein Mini-Joystick, mit Saugnäpfen auf dem Touchscreen fixiert. Über Fling steuert der Spieler dann den virtuellen Joystick. Richtig überzeugend sind diese Bedienmethoden allerdings bislang nicht. Carsten Busch: "Es wird noch viel experimentiert – bei Hardware- und Spieleherstellern gleichermaßen wie bei Nutzern."
Zu den Experimenten zählt auch eine weitere, ungleich interessantere Steuerungsmöglichkeit. Sie koppelt das Smartphone per Bluetooth mit dem Tablet, was naheliegt, weil die Industrie seit Jahren verspricht, die schlauen Telefone zur Universalbedienung für unseren Alltag zu machen. So dient in dem Action-Spiel "Chopper 2" das iPad als Display und das iPhone als Controller. Ein Beispiel, das die Vormacht des mobilen Apple-Betriebssystems unterstreicht. "Für Android Tablets", so der Mobile-Game-Berater Christian Twellmann, "hält sich der Spielespaß momentan leider noch in überschaubaren Grenzen."
Bei grafisch anspruchsvollen Spielen stoßen die relativ rechenschwachen Tablets allerdings an ihre Grenzen. Sogenannte Cloud-Gaming-Dienste können diese Schwachstellen jedoch überbrücken. Dadurch, dass ein Großteil der Rechenarbeit in die Cloud verlagert wird, lassen sich sogar so aufwendig gestaltete Konsolenspiele wie "Call of Duty: Modern Warfare 3" auf das mobile Gerät streamen. Die Spiele selbst laufen auf den Servern des Anbieters, die Steuerungseingaben und Bildausgaben erfolgen über das Internet. Durch diesen Kunstgriff werden die technischen Limitierungen der Tablets weitgehend ausgebügelt.
Deren Siegeszug als Spielgeräte scheint unaufhaltsam. Schon basteln Unternehmen an reinen Spiele-Tablets. Auch die Handelskette GameStop plant ein solches Gerät, wie Unternehmenschef Tony Bartel verlauten ließ. Eigentlich soll es dieses Jahr auf den Markt kommen, doch es ist still darum geworden. HandyGames-Chef Kassulke hat auch Zweifel, ob dies der richtige Weg ist: "Reine Spiele-Tabs wären ein Rückschritt und hätten am Markt keine Chance." Tablets seien ja gerade wegen ihrer Multifunktionalität so attraktiv: "Ein Spiele-Tablet wäre so sinnlos wie ein reines Facebook-Tablet." (bsc)