Der Plaque-Scanner

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat das erste Hirnscan-Verfahren für die Alzheimer-Diagnose zugelassen. Einige Mediziner halten die Zulassung jedoch für verfrüht.

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Von
  • Susan Young

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat das erste Hirnscan-Verfahren für die Alzheimer-Diagnose zugelassen. Einige Mediziner halten die Zulassung jedoch für verfrüht.

Ab Juni können Ärzte in den USA erstmals ein neues Hirnscan-Verfahren zur Diagnose von Alzheimer einsetzen. Es arbeitet mit fluoreszierenden Molekülen, die ein genaueres Abbild der Ablagerungen im Gehirn eines Patienten erlauben. Die US-Arzneimittelzulassung FDA hat das Verfahren kürzlich für die klinische Verwendung freigegeben.

Bislang konnten Ärzte die Amyloid-Plaque, die im Gehirn von Alzheimer-Patienten die besonders krasse Form der Demenz auslösen, in direkter Form erst nach deren Tod nachweisen. Das wird sich nun ändern: Injiziert man den schwach radioaktiven Farbstoff in das Gehirn, lagert er sich an dem stärkehaltigen Amyloid an. Ein Hirnscan mittels Computertomographie (PET) erfasst dann die Fluoreszenz der Farbstoff-Moleküle und liefert so ein Bild, wo im Gehirn sich Ablagerungen gebildet haben. Auf diese Weise liefern sie Ärzten ein starkes Indiz dafür, das besonders vergessliche oder verwirrte Patienten an Alzheimer leiden, oder dass sie – bei Fehlen von Plaque – nach anderen Ursachen für eine Demenz suchen müssen.

Neurospezialisten befürworten deshalb den Einsatz des neuen Scanverfahrens. „Ein positiver Befund gibt einer vorher gemachten Diagnose mehr Gewicht“, sagt etwa Liana Apostolova, Alzheimer-Expertin an der University of California in Los Angeles. Das Verfahren helfe, Patienten mit ungewöhnlichen Symptomen besser einzuordnen sowie Alzheimer-ähnliche Nebenwirkungen anderer Medikamente oder von Depressionen herauszufiltern. „Leidet jemand an Depressionen, kann ein negativer Amyloid-Scan diese Diagnose erhärten“, sagt Apostolova.

Farbstoff-MolekĂĽle wie die im neuen Scanverfahren verwendeten werden bereits seit Jahren in der Forschung getestet. Der Pharmakonzern Eli Lily ist nun das erste Unternehmen, dass eine Zulassung fĂĽr das Mittel bekommt. Vertrieben wird es kĂĽnftig von der Eli-Lily-Tochterfirma Radiopharmaceuticals.

Einige Mediziner halten die Zulassung jedoch für verfrüht. Denn bislang ist der Zusammenhang zwischen Amyloid-Plaques und Alzheimer noch nicht restlos geklärt. So hat man Ablagerungen auch in älteren Menschen gefunden, die keine Anzeichen von Demenz zeigten. Sicher ist nur, dass Alzheimer bei älteren Menschen mit Plaque schneller voranschreitet. Eine wirksame Therapie gegen die Krankheit fehlt allerdings noch. Das neue Scanverfahren eignet sich deshalb in erster Linie dazu, einen Alzheimer-Verdacht zu entkräften.

Ronald Petersen, Direktor des Alzheimer-Forschungszentrums der medizinischen Organisation Mayo Clinic findet genau dies problematisch: „Wenn es einen positives Ergebnis gibt, was soll ein Arzt dann machen?“ Weder die FDA noch Eli Lily würden einen Hinweis geben, wie mit einem positiven Scan-Ergebnis umzugehen sei. „Dafür gibt es noch keine Daten“, so Petersen.

Dass der Nachweis von Amyloid-Plaque für die Alzheimer-Diagnose unabdingbar ist, erkennt allerdings auch Petersen an. Und die Scans könnten helfen, die Wirksamkeit potenzieller Medikamente gegen Plaques zu testen, indem während einer Behandlung wiederholt Aufnahmen gemacht werden.

Zudem können Ärzte mit dem Verfahren den Krankheitsverlauf von Alzheimer visualisieren und die Entwicklung der Plaque mit der Veränderung von Symptomen abgleichen. Solche Daten wiederum würden dazu beitragen, „genetische Risikofaktoren oder Stoffwechselveränderungen im frühen Krankheitsstadium herauszufinden“, sagt Liana Apostolova. An denen könne man dann vielleicht mit einer Frühbehandlung ansetzen.

Weltweit leiden 24 Millionen Menschen an Alzheimer, in der Bundesrepublik sind es 1,3 Millionen, in den USA fünf Millionen. Das US-Gesundheitsministerium schätzt, dass sich diese Zahlen bis 2050 verdoppeln werden. Schon ein Drittel der Über-70-Jährigen habe heute Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, sagt Michael Weiner, leitender Forscher der Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative. Sie untersucht neben bildgebenden Verfahren auch Biomarker, Moleküle im Blut oder in der Gehirn-Rückenmarks- Flüssigkeit, die auf Alzheimer hindeuten. Das neu zugelassene Verfahren werde „ein größeres öffentliche Bewusstsein für die Krankheit, und das wird einiges ändern“, glaubt Weiner. (nbo)