Der herzige Automat

Der Kampf der Roboterhersteller um die Wohnzimmer spitzt sich zu. Die meisten Staubsaugerroboter versuchen, die Käufer mit schnöder Funktionalität zu ködern. Der japanische Elektronikkonzern Sharp hingegen setzt auch aufs Gefühl.

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Von
  • Martin Kölling

Der Kampf der Roboterhersteller um die Wohnzimmer spitzt sich zu. Die meisten Staubsaugerroboter versuchen, die Käufer mit schnöder Funktionalität zu ködern. Der japanische Elektronikkonzern Sharp hingegen setzt auch aufs Gefühl.

Bei dem Versuch, mir Japans Innovationskultur zu erklären, setze ich auf eine Arbeitshypothese: Eine japanische Stärke ist, psychologische Faktoren und Gefühle beim Entwickeln von Technik mitzudenken. Das legendäre elektronische Küken Tamagotchi ist ein Beispiel dafür. Nun findet sich dieser Ansatz auch bei den Staubsaugerrobotern: Der japanische Elektronikkonzern Sharp hat einen Reinigungsautomaten mit viel Gefühl entwickelt.

Cocorobo (eine Zusammenziehung aus "Kokoro" für Herz, Gemüt & Gefühl sowie "Robot") heißt das Gerät, das ähnlich aussehende Konkurrenten wie Roomba von iRobot vor allem durch seine inneren Werte beim Kampf um die Wohnzimmer schlagen will. Der kleine Sauger soll das Leben seiner Herrchen und Frauchen nicht nur dadurch bereichern, dass er das Haus rein hält, sondern gleichzeitig das Haustier ersetzt.

Dazu haben die Japaner dem Wesen etwas verpasst, das sie "Cocoro Engine" nennen, ein Stück rudimentärer künstlicher Intelligenz. Die erlaubt es beispielsweise, den Roboter durch Sprache zu steuern. Man kann ihn rufen: "Bitte komm'!" Kaum ist er herangesurrt, grüßt das herzige Roboterwesen "hisashiburi!" – lange nicht gesehen! Dabei ist er ein wahres Sprachentalent. Die Spitzenversion kann auch auf Chinesisch (hao jiu bu jian) oder auf Englisch (long time no see) plappern.

Befiehlt man ihm "mach' bitte sauber!", antwortet er "verstanden". Sogar nach seinem Befinden kann man ihn befragen. Und seine Stimmung hängt – fast wie beim Menschen – von seinem konkreten Lebensumfeld ab. Je voller der Beutel, je leerer der Lithium-Ionen-Akku, desto schlechter wird Cocorobos Laune. Das sind wahre Robotergefühle. Auch ein "Guten Morgen" oder ein "Gute Nacht" gibt der Roboter passend zur Tageszeit von sich. Merke, er hat Benimm.

Nebenbei reinigt der Sauger nicht nur die Böden, sondern auch die Luft. Dazu hat er einen Hepa-Filter und – wie viele andere Haushaltsgeräte des Konzerns auch – einen Plasma-Luftreiniger eingebaut. Und er lässt sich sogar ohne Leine führen – dank WLAN sogar aus der Ferne über das Smartphone. Mittels einer eingebauten Kamera kann man ihn sogar durch die Wohnung lenken, nach dem Rechten, dem Hundchen oder dem Kindchen sehen – und sich Fotos schicken lassen. Das geht auch in der Nacht: Eine LED leuchtet im Dunkeln den Weg aus.

Ich finde die Idee nett. Warum sollen Roboter immer so dröge funktionalistisch daher kommen? Warum nicht Maschinen Robotergefühle und Sozialverhalten beibringen? Sharp spielt schon im Werbespot auf der Produkt-Homepage mit der Verschmelzung. Das beginnt mit der Filmmusik aus "2001 – Odysee im Weltraum", wohl um den Anbruch des Roboter-Zeitalters anzudeuten. Doch plötzlich flitzt das Robotchen weg und eine Piepsstimme spricht – und für den Rest des Videos ist man in Japans Welt des "Kawaii", der Ach-wie-niedlich-Kultur, unterwegs. Das Video endet mit dem Roboter und dem Profil eines Babys - Transformation gelungen. Der Roboter ist im Alltagsleben angekommen – typisch japanisch als positive Helfer und nicht wie in vielen Fantasien des Westens als Kampfmaschine oder Unterjocher der Menschheit.

Doch wie so oft bei guten Ideen, auch diese hat einen Haken, die ihre massenhafte Verbreitung verhindern wird: der Preis. Sharp sieht sich als Premiumhersteller und sitzt offenbar dem Missverständnis auf, dass die Kunden bereit sind, 1300 Euro für die Spitzenversion des Cocorobos, den RX-V100, zu bezahlen. Selbst due abgespeckte Variante RX-V80 kostet immer noch 900 Euro. Und damit hat sich Sharp selbst in Japan ziemlich weit aus dem Markt gepreist. Für das Geld kriegt man dort zwei Roomba oder sogar Mielestaubsauger, die in Japan schon als sehr teuer gelten und zudem – davon bin ich überzeugt – eine bessere Saugleistung haben. Aber dafür können sie ja auch nicht sprechen, nicht von alleine staubsaugen, keine Fotos machen und lassen sich nicht fernsteuern Mir persönlich sind selbst billige Roboter noch zu teuer. Ich lege daher weiterhin selber Hand an. (bsc)