Neue Chance für grünen Sprit
Ob Biokraftstoffe ökologisch sinnvoll sind, hängt vom Ausgangsmaterial ab. Sprit aus Pflanzenabfällen und Holzresten könnte erheblich zum Klimaschutz beitragen – sobald die Produktion im industriellen Maßstab gelingt.
Ob Biokraftstoffe ökologisch sinnvoll sind, hängt vom Ausgangsmaterial ab. Sprit aus Pflanzenabfällen und Holzresten könnte erheblich zum Klimaschutz beitragen – sobald die Produktion im industriellen Maßstab gelingt.
Schwierige Jahre liegen hinter der Biokraftstoff-Industrie. Jahre, die Nadim Chaudhry, Gründer der Green Power Academy und Organisator der führenden Industriekonferenz World Biofuels Markets, als "dunkles Zeitalter" bezeichnet. Die Debatte "Tank oder Teller" traf die Branche 2008 mit voller Wucht und hat tiefe Kratzer im zuvor grünen Image von Biodiesel und Bioethanol hinterlassen. Die Ölpreise, die sich 2007 auf seit den siebziger Jahren nicht mehr gekannte Höhen geschraubt hatten, gaben wieder nach und schwächten plötzlich die Wettbewerbsfähigkeit des nicht gerade billigen Sprits aus nachwachsenden Rohstoffen. In der Wissenschaft entbrannte schließlich ein heftiger Streit darüber, wie viele CO2-Emissionen die grünen Kraftstoffe tatsächlich einsparen helfen – oder ob sie das Problem nicht gar vergrößern.
Was immer die Branche an Erfolgsmeldungen verkündete, ihre Kritiker sahen darin Hiobsbotschaften. Während die Unternehmen einen neuen Rekord in der globalen Produktion bejubeln – 2010 wurden 105,6 Milliarden Liter Bioethanol und 23,6 Milliarden Liter Biodiesel erzeugt –, warnen Gegner vor weiter steigenden Nahrungsmittelpreisen, weil Kraftstoffhersteller Pflanzen wie Mais oder Soja immer stärker nachfragen. Und während die ersten Fluglinien erfolgreiche Tests mit Biokerosin melden, verweisen Naturschutzverbände auf Umweltschäden durch gewaltige Monokulturen, Pestizideinsatz und Abholzung.
Nun soll sich das alles ändern. Auf der World Biofuels Markets Anfang März will Chaudhry vorsichtigen Optimismus ausgemacht haben: "Ich glaube, wir sind in eine neue Phase eingetreten." Die Branche hofft auf günstigere und umweltschonendere Herstellungsmethoden – die zusätzlich noch die Konkurrenz mit dem Anbau von Nahrungspflanzen entschärfen sollen. Tatsächlich existieren bereits Verfahren, die Treibstoffe ohne Verwendung der wertvollen öl-, stärke- oder zuckerhaltigen Früchte gewinnen können, wie sie im Biosprit der ersten Generation verwendet werden. In den Tanks würden Pflanzenabfälle landen statt Nahrungsmittel. In den kommenden zwei, drei Jahren sollen diese Biokraftstoffe der zweiten Generation endlich den Sprung zur industriellen Produktion schaffen. Die große Frage ist: Gelingt die Wende? Wenn der europäische Verkehrssektor im Jahr 2020, wie von der EU anvisiert, zehn Prozent seines Kraftstoffs aus erneuerbaren Quellen bezieht – wird das der Umwelt nutzen oder doch eher schaden?
Von der Antwort hängt weit mehr ab als die Zukunft der gesamten Biokraftstoff-Branche. Sie entscheidet auch darüber, ob die EU ihre Klimaschutzziele erreicht. Denn die CO2-Einsparungen, die der Biosprit bringen soll, sind bereits in den Minderungszielen einberechnet.
Mehr über die Zukunft der Biokraftstoffe steht in der neuen Ausgabe von Technology Review. Im neuen Heft haben wir dem Thema einen Fokus gewidmet.
Die Fokus-Artikel im Einzelnen:
- Überblick - Die industrielle Produktion von umweltschonendem Biotreibstoff könnte bald starten
- Interview - Hans-Josef Fell über den nachhaltigen Anbau von Energiepflanzen
- Infografik - Spritvarianten – von der Pflanze zur Zapfsäule
- Fallstudie - Weshalb die Firma Choren scheiterte
- Nutzung - Der öffentliche Verkehr als Abnehmer für Biosprit
- Ethanol - Mikroben verwandeln verholzte Pflanzenreste in Flüssigtreibstoff
- Wasserstoff - Neue Verfahren, um H2 umweltverträglich zu erzeugen
Technology Review 6.12 erhalten Sie am Kiosk. Sie können das Heft auch online bestellen. (jlu)