Marilyn Monrö

Die digitale Altsteinzeit ist noch lange nicht vorbei. Das Beharrungsvermögen der konservativen Kräfte ist erstaunlich.

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Von
  • Peter Glaser

Die digitale Altsteinzeit ist noch lange nicht vorbei. Das Beharrungsvermögen der konservativen Kräfte ist erstaunlich.

Manchmal habe ich den Eindruck, an irgendeiner Kreuzung falsch abgebogen zu sein und mich nun rückwärts zu bewegen. Wenn ich beispielsweise einen Link in diesen Text einflechten möchte, kann ich das nicht wie etwa in meinem wunderbar modernen Wiki-Schreibprogramm VoodooPad mit einem Tastendruck, sondern ich muss rund um die zu verlinkende Stelle eine Reihe von kryptischen Steuerzeichen einfügen. Das ist total 1980. Die sogenannten Content Management-Systeme müssten eigentlich Textverschwierigungs-Software heißen. Mit Steuerzeichen am Rechner habe ich erstmals 1978 gearbeitet, als ich mich vor etwas setzte, das einen Bildschirm mit grünen Buchstaben hatte und in das man Floppy Disks hineinstecken konnte: eine Lichtsatzmaschine. Sie machte einem den beginnenden Medienwandel vom Analogen ins Digitale auf eindrucksvolle Weise anschaulich: Vorne ein Computerterminal, und hinten roch es nach Fisch.

Die durch die Steuerzeichen aufgerufenen Typografien wurden nämlich auf eine Fotopapierrolle belichtet, die feucht und nach Entwicklerflüssigkeit riechend das Gerät verließ. Es war eine abenteuerliche Zeit. Anfangs verstand ich das Prinzip von Computerspeicher und Diskette noch nicht richtig und hatte Angst, eine unerklärliche, unsichtbare Verbindung zwischen der Computermaschine und der Diskette kaputtzureissen wie einen Faden, wenn ich die Diskette im laufenden Betrieb aus dem Schlitz nehmen würde. Um einen Rechnerabsturz zu produzieren, brauchte ich nur ein paarmal mit dem Bürostuhl über die Auslegeware zu rollen, mich so mit etwas statischer Elektrizität aufzuladen und dann an das Blechgehäuse zu fassen, das auch die Tastatur umgab – Schronz! Alles war steinzeitlich, und einer der Faustkeile waren die Steuerzeichen. Mehr als drei Jahrzehnte später blicke ich auf einen Bildschirm, auf dem immerhin nicht mehr alles nur grün und schwarz ist, und sehe – Steuerzeichen.

Danach kam die Zeit der Fachblätter für das Hobbycomputertum. Die Themenmischung war zum Teil hochgradig merkwürdig, da einfach alles, was mit dem magischen Heiligtum des Digitalen in Berührung gekommen war, mehr oder weniger unrubriziert an Bord gezogen wurde, gerettet aus der Ödnis des Nichtelektronischen. Mein Liebling war die Rezension einer Bibel-Datenbank, Bildunterschrift unter einem Screenshot: "Ein Text aus der Biebel."

Mit den Buchstaben und den unterschiedlichen Codierungen auf den unterschiedlichen Rechnergattungen war das überhaupt so eine Sache. Umlaute und andere deutsche Sonderzeichen versuchte der erfahrene Computertipper zu umfahren, andernfalls aus den Worten pixel-psychedelische Erscheinungen ausblühten und den Text nahezu unlesbar machten. Im gedruckten Blatt mussten die Sonderzeichen aber natürlich wieder her. Dazu arbeitete man so lange im Digitalen, bis der Artikel fertigredigiert war und tauschte anschließend mit Suchen & Ersetzen (der Altsteinzeit, ehe das Copy & Paste-Zeitalter begann) alle Vorkommnisse von ae, oe und ue nebst Großschreibungen aus. Meist ging man dabei heuristisch vor, ae war durchwegs unproblematisch. Bei ue war es angeraten, mit Zwischenstops zu arbeiten, weil andernfalls Zwischentitel wie "Neü Software für den ST" den altgewohnten Lesefluss auflockerten. Das oe war tückisch, da es in einigen seltenen Fällen kein Umlaut war, der getauscht wurde. So wird aus einer Oboe etwa eine Obö. Prominentestes Beispiel: Marilyn Monrö.

Alles Schnee von gestern? Denkste. Es ist erst drei Jahre her, dass Amazon einen Sturm der Entrüstung entfachte, als es die E-Book-Versionen – ausgerechnet! – von George Orwells "1984" nicht nur aus seinem Angebot löschte, sondern auch von den Kindle-Readern von Lesern, die das Buch bereits gekauft hatten. Sie hatten bei Amazon erst zu spät bemerkt, dass sie nicht über die nötigen E-Book-Verwertungsrechte verfügten.

Nun wird die Fortschrittlichkeit von E-Books erneut auf höchst kuriose Weise in Frage gestellt. Die Firma Superior Formatting Publishing bietet über den Nook-Store des Verlags Barnes & Nobles für 99 US-Cent den Klassiker "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi an, der inzwischen gemeinfrei ist. Mit dem Nook-Reader versucht Barnes & Nobles seinem Hauptkonkurrenten Amazon und dessen Kindle-Lesebrettchen Paroli zu bieten. Einem Blogger namens Philip fiel beim Lesen ein sonderbarer Satz auf – "It was as if a light had been Nookd in a carved and painted lantern..." Was er erst für einen Ausrutscher hielt, wiederholte sich auf den folgenden Seiten noch öfter. In einer (papierenen) Originalausgabe des Buchs las sich der Satz so: "It was as if a light had been kindled in a carved and painted lantern..." ("Es war, als ob ein Licht in einer geschnitzten und bemalten Laterne entzündet worden wäre..."). Superior Formatting Publishing hatte eine Kindle-Version von "Krieg und Frieden" in eine Nook-Version konvertiert, indem einfach sämtliche vorkommenden "kindle" durch "nook" ersetzt worden waren. Die Monrö hätte ihre helle Freude gehabt. (bsc)