"Dem Nutzer wird sehr viel aufgebürdet"
Brendon Lynch, Chief Privacy Officer von Microsoft, über den Wandel der Datenschutz-Problematik seit den frühen 1990er Jahren und die heutigen Anforderungen an Webdienste und Geräte.
- Lee Gomes
Anfang des Jahres teilte Microsoft mit einer Reihe großformatiger Zeitungsanzeigen gegen Google aus: Der Konkurrent sammele immer mehr Daten über die Nutzer, lautete der Vorwurf. Richtig überzeugend war das jedoch nicht, denn Microsoft setzt in seiner Suchmaschine Bing ähnliche Praktiken ein.
Dennoch glaubt man in Redmond fest daran, die Privatsphäre der Nutzer besser zu schützen. Technology Review sprach mit Brendon Lynch, Chief Privacy Officer von Microsoft, darüber, wie sich die Problematik seit Anfang der 1990er Jahre geändert hat und worauf Webdienste und Gerätehersteller heute achten müssen.
Technology Review: Warum hat Microsoft Google kritisiert?
Brendon Lynch: Wir haben bemerkt, dass ein großes Unbehagen da ist, dass sich viele um den Schutz ihrer Daten sorgen. Wir sind stolz auf unsere Privacy-Schutzmechanismen, und deshalb wollten wir den Menschen signalisieren, dass sie eine Wahl haben.
TR: Bei Bing kann man sich seit kurzem mit seinem Facebook-Zugang einloggen und Suchergebnisse mit anderen teilen. Inwiefern gehen Sie mit sozialen Netzwerken anders um?
Lynch: Bing-Nutzer müssen aktiv zustimmen, dass ihre Suchergebnisse geteilt werden. Facebook verlangt von seinen Nutzern, dass sie mindestens 13 Jahre alt sind. Die Social-Search-Komponenten von Bing liefern hingegen nur Ergebnisse, wenn man 18 Jahre oder älter ist.
TR: Wie sieht die Privacy-Philosophie von Microsoft genau aus?
Lynch: Wir nennen es „Privacy by Design“. Der Schutz der Privatsphäre sollte in unsere Produkte und Dienste von Grund auf mit eingebaut sein. Ein wichtiges Element unseres Programms ist der Privacy- Prüfprozess: In ihm können Ingenieure und Produktdesigner schon in den ersten Entwicklungsstufen mögliche Auswirkungen auf Datenschutz und Privatsphäre erkennen. Bei Microsoft beschäftigen sich rund 50 Mitarbeiter in Vollzeit mit diesen Themen. Jedes Jahr werden etwa 2000 Privacy-Prüfungen vorgenommen.
TR: Welche Lehren haben Sie aus den Vorwürfen Anfang der 1990er Jahre gezogen, Microsoft spioniere Nutzer über Windows-Updates aus?
Lynch: Dass Vertrauen wichtig ist. Die Windows-Updates schützen die Gesellschaft vor Online-Bedrohungen. Deshalb haben wir wirkungsvolle Kontrollmechanismen in den Update-Prozess eingebaut, damit die Verbraucher ihm vertrauen und ihn nutzen. Dazu gehören unabhängige Auditoren, die unsere Arbeit genau unter die Lupe nahmen und regelmäßige Reports veröffentlichten. Die bestätigten, dass wir nicht mehr Daten als angegeben sammeln.
TR: Hat sich die Bedeutung von „Privacy“ in den vergangenen 15 Jahren gewandelt?
Lynch: Sicherheit bedeutet, wenn es um Daten geht, deren Schutz. Das Konzept Privacy geht viel weiter, es geht um die Frage, wie Daten korrekt genutzt werden. Früher stand Sicherheit viel mehr im Vordergrund. In den letzten 10 Jahren haben wir viel investiert, um auf die zunehmende Bedeutung von Privacy vorbereitet zu sein. Die große Herausforderung unserer Zeit ist, wie wir es schaffen, dass die Gesellschaft von informationsbasierten Innovationen profitiert, während zugleich die persönliche Privatsphäre geschützt wird.
TR: Der US-amerikanische Umgang mit der Privatsphäre im Netz wird von vielen kritisiert, weil Nutzer gezwungen sind, sich über die endlos langen Datenschutzbestimmungen auf dem Laufenden zu halten – die aber kaum jemand liest.
Lynch: Das derzeitige Verfahren des Benachrichtigens, Auswählens und Zustimmens ist in der Kritik. Dem Nutzer wird hier sehr viel aufgebürdet: Er muss verstehen, was Sache ist, und dann eine informierte Entscheidung treffen. Einige Nutzer wollen genau das: eine Datenschutz-Erklärung lesen, das Ausmaß selbst einstellen, selbst entscheiden. Unsere Forschung zeigt jedoch, dass die große Mehrheit der Menschen sich einfach geschützt fühlen und der Online-Welt vertrauen will.
TR: Bringen Geräte wie die Spielsteuerung Kinect neue Privacy-Probleme mit sich?
Lynch: Ja, es gibt einige. Die Kinect verfügt über Stimm- und Gesichtserkennung. Will man hier die Privatsphäre schützen, dürfen derartige Informationen nicht aus dem Gerät gelangen. Die Kinect speichert sie nicht und teilt sie auch nicht mit irgendeinem anderen Gerät.
(nbo)