Einsame Kämpfer: Neuzulassungen im Mai 2012
Europa kommt langsam auch in der deutschen Zulassungsstatistik an. Außer bei SUVs geht es in allen Segmenten abwärts. Und den europäischen Herstellern fehlen Ausweichmöglichkeiten in internationale Märkte
- Gernot Goppelt
Hannover, 11. Juni 2012 – In den ersten fünf Monaten des Jahres 2012 war der deutsche Automarkt eine Art Spiegelbild der wirtschaftlichen Situation: In Deutschland läuft es, doch der Rest von Europa, vor allem der Süden, befindet sich im Abschwung. Doch jetzt kommt die "Schuldenkrise" langsam auch im deutschen Markt an: Mit 289.977 neuen Pkw gingen die Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahr um 4,8 Prozent zurück, meldet das Kraftfahrtbundesamt. Der VDA ergänzt, dass der Mai 2012 aber auch zwei Arbeitstage weniger aufwies als 2011, womit rechnerisch wieder alles in Butter wäre.
Europa schwächelt
Abgesehen von diesem argumentativen Aufbäumen – klar, Ehrensache – ist auch dem VDA nicht nach Schönfärberei zumute. Denn aus Sicht der Automobilbauer gibt es mittlerweile ein echtes Standortproblem, weil die schwächere Nachfrage in Westeuropa für geringe Produktionszahlen sorgt. Die Pkw-Exporte aus deutscher Fertigung sind im Mai um 13 Prozent auf 347.600 Einheiten zurückgegangen. Der Pkw-Weltmarkt bleibt laut VDA zwar auf Wachstumskurs, das hilft aber nicht unbedingt den deutschen und europäischen Produktionsstandorten.
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Es dürstet die Kunden nach SUVs wie den Audi Q3. Wie soll man sonst auch den Weg zum Outdoor-Ausstatter schaffen.
Nach Angaben der Cars-21-Gruppe, die vor einigen Tagen "Empfehlungen … zur Unterstützung eines neuen Aufschwungs in der Automobilindustrie" vorgelegt haben, beschäftigt die Automobilindustrie in der EU direkt oder indirekt mehr als 12 Millionen Arbeitnehmer, ein großer Anteil davon in Deutschland. Von der EU erhofft sich die Industrie mehr finanzielle Unterstützung, stieß dabei aber bisher nur auf wenig Gegenliebe. 1,5 statt einer Milliarde Förderhilfen für die Entwicklung umweltfreundlicher Fahrzeuge sind kaum mehr als ein diplomatischer Trostpreis. "Derzeitige Produktionskapazitäten müssen angepasst, neue Produktionsmethoden entwickelt werden", stellt die Cars-21-Gruppe in ihrem Bericht lapidar fest, mit anderen Worten: Die Automobilproduktion in Europa schrumpft innovativ.
Billig geht immer
Zu allem Überfluss machen die Autohersteller zunehmend Angebote, mit denen sie die eigene Basis kannibalisieren – sie können aber auch nicht anders, denn sonst kämen die Angebote eben aus Fernost. Renault hat mit seiner Billigmarke Dacia erfolgreich die Einstiegspreise für Neuwagen nach unten gedrückt, Volkswagen macht mit dem Škoda Rapid dem Seat Toledo perspektivisch dasselbe. Es muss die Hersteller im Innersten schmerzen, aber sie kommen nicht daran vorbei, auf der wenig lukrativen Billigauto-Schiene mitzufahren. Nüchtern betrachtet, lässt sich das nur mit einer weiteren Verlagerung der Produktionsstandorte weg von "Kerneuropa" machen, oder mit massiven Kostensenkungen, die letztlich auch die Gehälter treffen. Ebenfalls nicht gerade hilfreich ist es, dass die Industrie derzeit die Halden leeren muss. Es häufen sich die 9990-Euro-Angebote für komplett ausgestattete Kleinwagen, das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Preisempfinden der Kunden.